• Benjamin Seegert

1. Die Neurose und das Symptom - Die Lust am Symptom



„Obgleich der Patient ursprünglich vielleicht behaupten möchte, von seinen Symptomen befreit zu werden, ist er darauf aus, das Boot, in dem er sitzt, nicht zu heftig zu schaukeln. Dieses Verhalten ist ganz einfach ein wesentliches Merkmal von Symptomen: sie bereiten in der einen oder anderen Weise Befriedigung, auch wenn dies für einen Beobachter von außerhalb oder gar für das Individuum, das die Bürde der Symptome trägt, nicht zu erkennen ist. Das Individuum genießt nämlich auf einer gewissen Ebene seine Symptome. Im Allgemeinen ist dies ja die einzige Art und Weise, in der das Individuum weiß, wie es das Genießen erzielen kann. Warum würde dann irgend jemand wirklich danach streben, seine einzige Befriedigung im Leben aufzugeben.“ Bruce Fink

Bruce Fink hat diese Worte mit Blick auf Lacan geschrieben. Für Lacan war es offenkundig, dass der Patient sich mit Händen und Füßen gegen die Kur und die Heilung wehrt, obgleich er sie selbst aufgesucht hat. Wenn man nach Lacan geht, ist es daher nicht das Begehren des Patienten, oder besser gesagt Analysanden welches die Kur am Laufen hält, sondern das Begehren des Analytikers. Ohne darauf zu tief eingehen zu wollen, sei nur am Rande gesagt, dass dieses Begehren für Lacan jedoch ein Professionelles ist, eines welches sich an der Arbeit mit und am Unbewussten orientiert, nicht am persönlichen z.B. sexuellen Begehren des Analytikers. Wenn man so will, das Begehren des Analytikers ist eine Haltung, das Unbewusste entdecken und entziffern zu wollen. Aber zurück zur Neurose und den Symptomen.

Bereits Freud hat darauf verwiesen, dass die Symptome, ich habe es ja öfter schon zitiert, eine pervertierte Form der Befriedigung sind.


„Die Symptome sind die Sexualbetätigung der Kranken.“ Sigmund Freud

Doch selbst wenn man Freud gnädig gestimmt ist und versucht diese These anzunehmen, stellen sich doch zwei Fragen, wenn nicht sogar noch mehr. Einerseits, wenn die Symptome ehe nur Sexualbefriedigung sind, wozu braucht es dann überhaupt die Symptome, bzw. wie kann es dann überhaupt zu diesen kommen? Andererseits, und das kann jeder Neurotiker aus eigenem Erleben bezeugen, ist das Befriedigungserlebnis im Symptom eben nicht vorhanden, im Gegenteil. Man würde am liebsten die Symptome sofort los.

Zum ersten sei kurz angemerkt, dass im Gegensatz zu den Selbsterhaltungstrieben, die Sexualtriebe verschiebbar sind. Eine Befriedigung muss nicht nur auf eine bestimmte Weise geschehen. Wer ganz konkretistisch gesprochen kein Sex hat wird nicht daran sterben, bzw. kann auch eine andere Aktivität, wie z.B. ein gutes Buch lesen etc. für ein bestimmtes Maß an Befriedigung sorgen. Diese Verschiebung ist aber nicht unbedingt ein Automatismus. Weil die Libido, also die psychische Energie der Sexualtriebe, träge ist, heißt wenn sie einmal eine Befriedigung gefunden hat, diese auch behalten will, fällt es schwer sie bewusst und absichtlich zu verschieben. In der Regel ist es so, dass bestimmte elterliche, kulturelle und gesellschaftliche Verbote einen dazu nötigen, dies ist aber meist auf Unbewusster Ebene geschehen, bzw. unbewusst geworden, bestimmte Befriedigungsformen aufzugeben, zu verdrängen, zu verschieben. Und an dieser Stelle kommt die Neurose ins Spiel. Wenn man nach Freud geht, ist sie weiterhin der Versuch Sexualbefriedigung sich zu verschaffen, aber als Folge eines Konfliktes auf abstrakte, verschleierte Art und Weise, so dass das eigentliche sexuelle Begehr nicht erkannt werden kann, weil es nicht erkannt werden darf.


„Zwischen dem Drängen des Triebes und dem Widerstreben der Sexualablehnung stellt sich dann der Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst, sondern ihm durch Verwandlung der libidinösen Strebungen in Symptome zu entgehen sucht.“ Sigmund Freud

Der zweite Aspekt, also der des Leidens ist jedoch etwas komplizierter aufgestellt. Ich würde meinen, dass in dieses Gefühl von Leiden mehrere Aspekte hineinspielen. Mit Bezug auf Lacan würde ich mir erlauben sagen zu dürfen, dass es eine Zeit gab, in der die Symptome noch kein oder kaum Leid mit sich brachten. Sie waren Befriedigung, sie waren Symptome die nicht als Symptome erlebt wurden. Dahingehend beschreibt Fink erneut mit Blick auf Lacan ganz passend:


„Sie [Die Patienten – B.S.] verlangen nicht, vom Symptom, sondern eher von seiner jüngsten Wirkungslosigkeit und Unzulänglichkeit befreit zu werden. Sie verlangen also, dass der Therapeut ihre Befriedigung auf deren früherer Ebene wieder herstellt.“ Bruce Fink

In dieser Hinsicht hat sich die Qualität dieser Befriedigungsversuche in etwas zwanghaftes verwandelt, welches der Befriedigung ermangelt. Und es wird zwanghaft, man könnte sagen, das Symptom wird zwanghaft ausgeführt, weil die Libido an dieser Befriedigungsform klebt, fixiert ist, nicht von ihr loskommen will, aber gleichzeitig keine Befriedigung bekommt, also nicht zur Abfuhr gelangt, aber immer wieder den gleichen Abfuhrweg geht. Es ist wie ein Sprung in der Platte oder wie es heißt:


„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Doch so unglaublich es klingen mag, ist dieser Wahnsinn etwas was begehrt werden kann, erst recht, weil es einem ein paradoxes Gefühl der Sicherheit ermöglichen kann. Diesem Gefühl der Sicherheit widme ich im zweiten Text/Video dieser kurzen Reihe.


Autor: Benjamin Seegert

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