• Benjamin Seegert

1.Gerda Barag - Zur Psychoanalyse der Prostitution (1937) - Einleitung

Aktualisiert: 2. Okt 2020


Gerda Barags Psychoanalyse der Prostitution, welche ich hier in drei Videos vorstellen möchte, ist eine spannende, und meiner Ansicht nach oft auch, jeder Leser muss das aber für sich selbst entscheiden und herausfinden, entblößende Betrachtung der psychodynamischen Beweggründe hinter der Prostitution und dem Interesse an der Prostituierten. Im ersten Video werde ich Barags allgemeine Aspekte zur Prostitution darstellen, im zweiten die Analyse der Persönlichkeit und Motive der Freier, bzw. Klienten, im dritten die Analyse der Persönlichkeit und Motive der Dirne. Ihre Psychoanalyse der Prostitution beginnt Barag jedoch zugleich mit einem Hammerschlag gegen einer meiner Helden.


„Auf den Nachweis der prinzipiellen Berechtigung einer solchen tiefenpsychologischen Untersuchung könnte verzichtet werden, wenn nicht von W. Reich allen Ernstes die Behauptung aufgestellt worden wäre, die Prostitution sei einerseits eine Folge >> der Arbeitslosigkeit, der miserablen familiären Verhältnisse des Proletariats und der lockenden Aussicht auf Hebung der äußeren Lebensweise << und andererseits >> der Keuchheitsideologie des kleinbürgerlichen Mädchens <<, also letzten Endes der als >> Kapitalismus << zusammengefaßten gegenwärtigen Besitzverhältnisse, auch die erwähnte Keuschheitsideologie nur eine Funktion derselben sein soll.“ Gerda Barag

Sie erklärt, dass die Beweggründe für die Ausübung und Nutzung der Prostitution nicht an den Kapitalismus gebunden sind, bzw. nicht durch diesen erzeugt werden, es sich vielmehr um subjektive Begehrensweisen handelt, welche sich darin ausleben. Auch, so ihre Kritik an Reich, lässt das Fallmaterial diesen Schluss eindeutig zu. Nicht nur gibt es die Geschichten von wohlhabenden Frauen, die sich der Prostitution widmen, noch gäbe es oft nicht keine Alternativen zur Prostitution und weiter wären besonders die einschlägigen Prostitutionsphantasien vieler Frauen, Zeugnis über die intrapsychische Bedingtheit der Prostitution.


„Der allgemeine Einwand, daß ohne den Begriff des >> Eigentums << eine Prostitution überhaupt nicht denkbar sei, überschreitet bei weitem den Rahmen der These des rein ökonomischen Ursprungs der Prostitution, da sie nur die gegenwärtigen politisch-wirtschaftlichen Gegebenheiten als verursachende Faktoren erkennt. Die im Verlaufe dieser Untersuchung aufzuzeigenden Tatsachen sowie die aus ihnen zu ziehenden Schlüsse sollen zu beweisen versuchen, daß auch hier ein Festhalten an sekundären Rationalisierungen von tiefreichender Erkenntnis abhält.“ Gerda Barag

Sie bezweifelt auch nicht, dass es ökonomische Gründe und Nöte gäbe, die zur Prostitution trieben, doch seien das, entgegen der allgemeinen Vermutung eher die Einzelfälle, als andersherum. Die Not kann ihrer Ansicht nach öfter Auslöser für die Prostitution sein, dass die Frau bei der Prostitution bliebe, sei dann jedoch anders motiviert. Doch kritisiert Barag meiner Ansicht nach zurecht Reich, an genau seiner und so vieler anderer Psychoanalytiker Schwachstelle, ihrem Fokus auf den Kapitalismus als primäres Problem. Ob es von Barag eine explizite Sozialismuskritik sein soll, bezweifle ich, doch möchte ich mir erlauben, selbst kurz die Chance zu nutzen und eine daraus zu machen. Denn, so wirkt es, im vernarrten Blick auf die Gesellschaft und den abschätzigen Blick auf das Kapital, geht das Individuum und dessen Freiheit verloren und in ihrem so holzköpfigen Hang zum Sozialismus, stellen viele Psychoanalytiker der Sache der Psychoanalyse, der Befreiung des Individuum, der Verantwortungsübernahme für das Begehren, selbst ein Bein. Der Sozialismus als Etablierung eines möglicherweisen Matriarchats, zumindest eines infantilen, prägenitalen Umgangs, mit Begehren, im Sinne einer Verteilung von Befriedigungen, sollte damit eigentlich jedem Psychoanalytiker ein Kontrapunkt sein.


„Der Sozialismus — als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, der Oberflächlichen, der Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler — ist in der Tat die Schlussfolgerung der modernen Ideen und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu Schlüssen oder gar zum Schluss zu kommen.“ Friedrich Nietzsche

Dass dem Geld, also auch dem Handel eine wichtige Bedeutung zukommt, ist nicht abzustreiten, doch, wie ich auch in der Besprechung vom Text Geld und Neurose zeigte, ist die Bedeutung des Geldes primär keine ökonomische, sie ist psychisch bedingt, ausgestaltet, und prägt unseren Umgang mit und unser Empfinden bezüglich Geld. Barag kritisiert weiter, dass die Psychoanalyse offenbar, die Sexualität in den Vordergrund stellend, sich doch mit einem der explizitesten Themen der Sexualität, der Prostitution so gut wie kaum beschäftige. Die besonderen Aspekte der Prostitution, die dieses Feld so bedeutungsschwanger machen, seien dessen historische Ursprünge, aber besonders deren Verquickung mit allen Bereichen des Lebens, wie beispielsweise der Kunst, Religion, Ethik, Wirtschaft und Rechtsprechung. Barag erklärt mit Blick auf Bachofen, dass die Prostitution, auch wenn sie im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen erfuhr, etwas ist und bleibt, was die spätesten und frühesten Menschengeschlechter miteinander verbinde. Ihre Reliquien und Ursprünge lassen sich ins alte Ägypten, in die Mythologie, in die Antike, und auch in die Wilden der heutigen Zeit nachverfolgen. Um mich nun jedoch dem eigentlichen Thema dieser Besprechung von Barags Psychoanalyse zur Prostitution zu widmen, beende ich diese Einführung und beginne im nächsten Video die Vorstellung ihrer Besprechung der Persönlichkeit und der Motive des Freiers, in ihren Worten, des Klienten.


Autor: Benjamin Seegert

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