• Benjamin Seegert

2.Die Neurose und das Symptom - Das Symptom als Sicherheit


Mit der Zeit wird das Symptom irgendwann zum Teil des Ichs. Das eigene Leben, Erleben und Begehren werden so sehr darauf ausgerichtet, dass es zum Teil eines Selbst wird. Wenn nun das Ich das Symptom aufgeben würde, müsste es einen Teil von sich aufgeben. Es ist ähnlich wie bei destruktiven Beziehungen, in denen Partner Jahrzehnte im einvernehmlichen Hass verbringen und doch niemals ohne den anderen könnten, bzw. sich trennen könnten. In dieser Hinsicht ist die Neurose zweierlei. Einerseits scheint sie fast wie ein Objekt, ein Objekt, welches auf verschobene Weise Befriedigung ermöglicht, und ein Objekt welches Sicherheit bietet, Halt. Die Neurose und das neurotische Erleben ist eine Haltung welche bekannt ist. Es ist eine Frucht der eigenen Vergangenheit, der Lernprozesse und Erfahrungen der Vergangenheit. Sie ist das Zeugnis eines gewissen Umganges der Welt mit einem und von einem mit der Welt. Es ist eine wenn auch schlechte Landkarte, es ist ein Rückzugsort. Denn, und dass muss jeder Neurotiker zugeben, sind mit jedem Moment des Leidens auch immer vielerlei Phantasien und Gedanken verbunden, nicht nur wovor man z.B. Angst hat, sondern auch, was man am liebsten gerade wollte, wo es einem besser gehen würde, was man sich vom andern wünschen würde, welchen Plan man ausfüllen sollte. Die Neurose schützt einen davor, sich mit dem echten Leben, dem tatsächlichen Begehren auseinanderzusetzen. Der Nervöse kann vor seinem Begehren fliehen, indem er in den Momenten der Herausforderung nervös wird und sich auf das nächste Mal vertröstet und/oder sich die Befriedigung ganz abspricht, oder hofft, dass diese Befriedigung zu ihm kommt. In gewisser Hinsicht ist die Neurose damit wie eine Art Anker. Man kann nicht von den Gezeiten weggetrieben werden, jedoch kann man sich auch nicht fortbewegen, bzw. entwickeln. In der Hinsicht ist die Neurose, bzw. der Anker nur eine Art Pseudokontrolle und schafft eine Sicherheit, die am Ende aber Destruktiv ist, bzw. einen weder emanzipiert noch sich entwickeln und reifen hilft.

Die Neurose ist immer eine Art Entfremdung vom eigentlichen Begehren und um in der Metapher zu bleiben, kann man, wenn man den Anker gesetzt hat, nur zusehen wie das Leben an einem vorbeizieht. Man bemerkt dann aber oft mit der Zeit, wie der Sog des Lebens immer stärker wird, die Versuchung mehr und mehr, und statt ihr Nachzugeben, hält man sich an der Neurose wie das Boot sich am Anker fest, man fängt an, aus Angst vor dem Leben, der Freiheit, der Unkontrollierbarkeit, sie zu kultivieren, und das Symptom selbst zum Leben zu erheben. Man verbringt mehr Zeit in der Neurose oder mit der gedanklichen Beschäftigung mit der Neurose, also der Entfremdung des Begehrens, als mit dem, was man eigentlich begehrt. Und so manche Philosophien oder Lebenstrends sind aus eben diesem neurotischen Begehren heraus entstanden.

Statt sich vom Begehren tragen zu lassen, treiben zu lassen und sich der Welt, dem Leben zu widmen, diesem Unkontrollierbaren, versucht man sich, sein Begehren und die Welt über die Neurose zu kontrollieren.

Eine fundamentale Angst des Neurotikers ist dahingehend die Angst vor Kontrollverlust, vor dem Loslassen. Das ist von Neurose zu Neurose unterschiedlich stark ausgeprägt, beim Zwang wohl am stärksten, aber vorkommen tut es bei allen. Am Beispiel der Angst möchte ich das verdeutlichen. Meiner Ansicht nach ist die Angst der unter Angst leidenden eigentlich zu einem großen Teil die Angst davor die Kontrolle zu verlieren, nicht mehr Herr über sich zu sein, bzw. leiden sie unter der phantasierten Scham die sie erleiden würden, wenn sie tatsächlich durchdrehten. Die Scham beim Angstpatienten ist praktisch die symptomgewordene Forderung des Begehrens sich zu wehren, gegen die eigene Kasteiung, gegen die Einengung des Begehrens, es ist der Hinweis auf das Begehren, der Hinweis darauf, dass da eine verborgene Lust schlummert, der Versuch sich zu wehren gegen den Verzicht und der gescheiterte Versuch endlich loszulassen. Aber diesen Genuss kann man sich vollen Bewusstseins nicht zugestehen, weshalb es den Anfall, die Panikattacke, den Zwang etc. braucht, oder auch den Alkohol. Am kleinen erkennt man es ja schon daran, dass man Alkohol trinkt um locker zu werden. Manch einer nur um Frauen anzusprechen, ein anderer, um sich jegliche Verantwortung abzusprechen. „Ich war ja betrunken, deshalb habe ich mit ihm geschlafen.“

Im Bezug zum Kontrollverlust möchte ich noch kurz erzählen, was mir einst ein Freund sagte. Er meinte, dass wenn er Pilze nimmt, er weiß, sich darauf einstellt und es akzeptiert, dass er für die nächsten Stunden keine Kontrolle haben wird. Er kämpft dahingehend auch gar nicht gegen das Gefühl an, er lässt sich davon treiben, er genießt es. Er steht nicht im Konflikt mit seiner Haltung, seinem Begehren in dem Moment und somit kann es genossen werden. Man könnte sich auch fragen, ob nicht ein Teil der Horrortrips oder unangenehmen Gefühle beim Drogenrausch erzeugt werden, weil man sich dauerhaft im Kampf wiederfindet, im Kampf gegen das Loslassen und dem Begehren loszulassen.

Das heißt nicht, dass jeder Drogen nehmen sollte, noch dass die, die keine Angst dabei empfinden, gesund seien. Es ist nur ein subjektiver Hinweis, welche Gefühle die Phantasie bei einem auslöst. Denn gleichzeitig ist das Drogen konsumieren ja immer auch ein künstliches und doch masochistisches Loslassen. Denn statt loszulassen, zwingt man sich durch die Einnahme einer Tablette oder einer Droge, loszulassen. Es hat entbehrt der aktiven Note und ist damit auch hinfällig, es grundlegend als Emanzipation zu betrachten, wohl wissend, dass ähnlich der Prostitution, ein initiales Erleben eines einst unzugänglichen Begehrens, manchmal ein Befreiungsschlag sein kann, der bedeutende Prozesse anstoßen kann. Aber, jemanden der Schlaftabletten nimmt, um einzuschlafen, würde man ja auch nicht unterstellen, dass er endlich loslassen konnte.


Autor: Benjamin Seegert

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