• Benjamin Seegert

2.Zur Psychoanalyse der Prostitution – Der Klient/Der Freier

Aktualisiert: 15. Okt 2020



„In seiner Arbeit >> Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens << weist Freud darauf hin, daß der Mann durch den Respekt vor seinem gesitteten Weibe am Ausleben der in seine Sexualziele eingehenden perversen Komponenten gehindert wird und sich an die von ihm verachtete Dirne wendet, um uneingeschränkt genießen zu können.“ Gerda Barag

Die Prostitution im Kontext der Ehe zu betrachten, erlaubt den Schritt zur Frage, was der Freier in der Prostituierten sucht, das er in der Ehefrau nicht finden kann, oder nicht finden darf. Ich sage darf, weil im Gang zur Prostituierten, und dem was dort befriedigt wird, die Spaltung zwischen Heiliger und Hure aufgemacht wird. Mit der Hure erlaubt man sich verkehren zu können, wie man es mit der Heiligen, sprich der Ehefrau nicht könnte, oder sich traute. Als Hauptzweck der Ehe wurde durch alle Völker hindurch angesehen, die Kinderzeugung. Barag argumentiert, dass alles, was dem nicht dient, aus der Ehe verbannt war.


„Das galt schon für das Griechentum; Demosthenes etwa war es selbstverständlich, daß die Dirne eben >> für die Befriedigung aller ungewöhnlichen Genüsse da sei <<.“ Gerda Barag

Das bedeutende an der Dirne ist dabei, dass sie, mal platt gesagt, für jeden Spaß zu haben ist. Sie stellt sich auf den Freier ein, gegen Geld, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Damit rückt sie sich in eine Position, welche der Mutter sehr nahekommt, Barag weist jedoch aus, der prägenitalen Mutter.


„Sadger hat auf diese Zusammenhänge hingewiesen und gezeigt, daß das Entgegenkommen der Dirne ihrem Klienten gegenüber sie als Nachbild der Pflegepersonen erscheinen läßt, nicht wie sie waren, sondern wie sie >> hätten sein sollen <<. Andererseits soll dieses in die die frühe Kindheit zurückprojizierte Entgegenkommen, das bei der Dirne wiedererlebt wird, auch der eigenen Gewissensentlastung dienen und der Pflegeperson die Verführungsrolle zuweisen.“ Gerda Barag 

Dem Gelde kommt in dieser Hinsicht eine besondere Bedeutung zu. Der Freier kauft nicht in erster Linie die Prostituierte, sondern unbewusst kauft er sich von der gefühlten Verpflichtung frei, Liebe mit Liebe vergelten zu müssen, und wohl noch bedeutender, vom Schuldgefühl kauft er sich frei. Barag erwähnt, dass es in Papua scheinbar noch immer üblich, bzw. Verpflichtung sei, jeglichen sexuellen Verkehre, auch den ehelichen, mit einem sogenannten Muschelgeld zu bezahlen. Weiterhin, im perversen Akte, bzw. im Akte mit der Dirne überhaupt, entgeht der Freier der Gefahr der Kinderzeugung. In dieser Hinsicht, so meine ich, bekommt auch die Bedeutung des Facials, oder das Schlucken des Spermas eine interessante Wendung, über die ich ja auch in meinem Video zum Thema Blowjob sprach.


„Nun hat bereits Otto Rank auf die engen Beziehungen zwischen Festhalten an prägenitalen Sexualzielen und dem Verzicht auf den Zeugungswunsch hingewiesen. Er führte diesen Verzicht darauf zurück, daß dem Kinde zur Zeit des Bestehens seiner prägenitalen Phase die Fortpflanzung als schlechthin unmöglich erschien und der erwachsene Perverse sich in der Folge dafür entscheidet, selber das Kind zu sein statt es zu erzeugen.“ Gerda Barag

Barag erklärt, dass die fehlende Kinderzeugung abstrakt ein Versuch des Vatermordes ist. Denn gerade im eigenen Kinde begegnet man dem Vater, den Ansprüchen und nicht selten auch der Persönlichkeit dessen wieder.


„Was man dem Vater einst angetan hatte, hat man, da man Vater wurde, nun selber zu befürchten. So erscheint der gezeugte Sohn in der Rolle des rächenden Vaters, dessen Wiedererscheinen gegenüber eine Ablehnung wohl verständlich wird, zumal der ursprüngliche Vaterhaß hinzutritt. Vorgreifend wurde von einem >> Wiedererscheinen << gesprochen.“ Gerda Barag 

Dass die Dirne, gerade wenn sie die prägenitale Mutter repräsentiert, mit so vielen Männern schläft, und trotzdem begehrt wird, ist für Barag aus der Homosexualität des Mannes zu erklären. In der Dirne begegnet man dem anderen Penis, kann sich jedoch durch die Aktivität der eigenen Position und dem Verkehre mit der Frau einbilden nicht auch homosexuell zu genießen. Doch nicht nur aus der fast greifbaren Homosexualität heraus, aber besonders daraus, dass der Mutter gegenüber so und so eine unheimliche Ambivalenz empfunden wurde, nährt sich auch die Verachtung, mit welcher viele Prostituierte gestraft werden.


„So kommt ihr gegenüber der ursprüngliche orale Sadismus, durch den Vorwurf, von der Mutter nicht genügend genährt worden zu sein, zur Geltung und führt zur rücksichtslosen Ausnutzung der Dirne, ihrer Reize, ihrer Jugend und eventuellen Notlage.“ Gerda Barag

Dem Bezug zur Frigidität und Aggression, welcher wohl nicht nur auf die Dirne anzuwenden ist, soll der Abschluss dieser Besprechung erlaubt sein.


„Aber auch der Koitus mit ihr stellt einen phallisch-aggressiven Akt dar, wobei auch keine eigentliche Objektbesetzung erfolgt, sondern die Frau nur ein Mittel zum Zwecke darstellt und das Ganze am ehesten ein Onanie in vaginam ist, begleitet von teils unbewußten, teils bewußten Phantasien. Dabei bildet die bekannte Frigidität der Dirne für den Klienten in vielen Fällen einen besonderen Reiz, indem sie noch zu verstärkter phallischer Aggressivität herausfordert. Sie trotz ihrer Ablehnung zum Orgasmus zu zwingen, scheint einem besonderen Ruhmestitel gleichzukommen.“ Gerda Barag

Autor: Benjamin Seegert

16 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Otto Fenichel - Über Homosexualität (1931)

Perversionen, wie auch die Neurosen für sich, sind keine Abnormitäten menschlichen Seins. Vielmehr, und das ergibt sich aus psychoanalytischer Perspektive, sind sie allen Menschen gemein, stellen viel

©2019 thanatos. Erstellt mit Wix.com