• Benjamin Seegert

3.Die Neurose und das Symptom – Der Masochismus im Symptom


Es gibt in der Neurose trotz des Leidens Befriedigungsmöglichkeiten, bzw. Befriedigungen, die zwar zur Unkenntlichkeit verschwommen sind, doch bedeutsam bleiben. In den Betrachtungen über Prokrastination habe ich diesen Punkt immer wieder klargemacht, dass sich in der Verweigerung der Notwendigkeit gegenüber und Verantwortung für das eigene Begehren, eine Haltung des Kindbleibenwollens verbergen kann bzw. des Protestes. Genauso wie die Prokrastination ein neurotisches Symptom ist, liegen ihr die gleichen Mechanismen unter, wie ich sie der allgemeinen Kategorie Neurose unterstellen würde. Grundlegend dabei zu nennen ist der Aspekt des Masochismus.

Unter Masochismus ist vielerlei zu verstehen und eine genaue Diskussion des Konzeptes würde den Rahmen sprengen. Aber für unsere Sache möchte ich es als Lust am Leiden, bzw. als Lustgewinn über das eigene Leiden beschreiben, sowie eine gewisse Note von Passivität in der Erzielung von Befriedigung unterstellen.

Die Neurose kann und ist oftmals der Versuch, Ansprüche, gesellschaftlicher, ökonomischer oder elterlicher Natur nicht nachzukommen, dagegen zu protestieren, ohne als Rebell erkannt zu werden, also ohne ein Schuldgefühl zu haben und somit auch ohne Angst vor Strafe genießen zu können. Man könnte sagen, der Neurotiker bestraft sich selbst, durch sein Leiden, um von den anderen nicht bestraft zu werden. Es ist die Angst vor dem Anderen und dessen Nein dem eigenen Begehren gegenüber.

Ebenso verhält es sich ja mit der Errichtung des ÜberIchs. Dieses ist nichts anderes als die innere Fortsetzung der äußeren Gebote und Verbote. Man kann in dieser Hinsicht die Neurose als Anklage gegen die Eltern und Gesellschaft betrachten, jedoch als masochistische Wendung der Anklage. Eigentlich ist jemand anderes intendiert, diesen traut man sich aber nicht verantwortlich zu machen. Im Zuge dessen wird dieser Vorwurf dann gegenüber sich selbst ausgelebt, gleichzeitig indirekt trotzdem gegenüber dem Anderen. Innerhalb der Analyse zeigt sich sowas dann oft in der Art und Weise, dass der Neurotiker nicht gesunden möchte, um dem Analytiker das Gefühl zu geben, ein schlechter Analytiker zu sein, stellvertretend für den eigenen Vater oder die eigene Mutter zum Beispiel. So kann man, um zeigen zu wollen, dass die Eltern schlechte Eltern waren, dies zwar lebenslang verleugnen und trotzdem sein ganzes Leben ruinieren, nur damit die Eltern das Gefühl haben, sie hätten etwas falsch gemacht.

Doch problematischer Weise bleibt diese ganze Konfliktreihe unbewusst, womit sie eben auch nicht durchgearbeitet und überkommen werden kann. Man manövriert sich aber dahingehend in einen Opferstatus hinein, der es einem erlaubt, Verantwortung abzulegen und gleichzeitig Befriedigung passiv zu empfangen. Das Opfer genießt das Privileg, dass die Befriedigung zu ihm kommt, weshalb Opfer zu sein eine gefährliche Sehnsucht ausübt, was man an unserer Gesellschaft gut erkennen kann. In dieser Hinsicht könnte man auch sagen, dass die Neurose vor Einsamkeit schützen soll, jedoch in Erotisierung einer passiven, destruktiven Position. Man könnte weiterhin sagen, dass jeder Neurotiker eine verstärkte passive oder passivaggressive Ader hat, bzw. sich angeeignet hat.

Die Neurose ist ein Schutz vor der Realität, sie ist ein Verweilen in der Phantasie, im Phantasieren der Realität. Und diese Haltung macht ja auch Sinn, mit Blick auf Kultur. Es ist ja eben die Forderung der Kultur nicht mehr alles zu machen und zu sagen, wie man gerne wollte. Man muss seine Triebe verdrängen, zurückhalten, sublimieren. Die initiale Triebenergie wird auf das Individuum zurückgeworfen, und erneut zur Verhandlung gestellt. Man könnte auch fragen, ob Kultur nicht immer auf einem gewissen Masochismus aufgebaut ist, ohne diesen nicht existieren könnte, oder aber ob der Masochismus so vieler Kulturen nur die pathologische Variante im Umgang mit den eigenen Begehren ist und viel mehr auf eine mangelnde sexuelle Freiheit und mangelnde Sublimierungsfähigkeit hinweist.

Ich will natürlich nicht Eindruck erwecken, man solle allen Neurotikern ihr Kranksein absprechen. Man soll sie ernst nehmen, natürlich, aber ihnen eben einen Zugang zu ihrem eigentlichen Begehren ermöglichen, indem man nicht in die masochistische Schiene hineinspielt und den sekundären Krankheitsgewinn einer Krankheit verstärkt. Verständnis für ein Leiden zu zeigen heißt nicht, der Person alle Verantwortung abzunehmen, bzw. die Beziehung oder Gesellschaft nach der Krankheit hin anzupassen, sondern dem Neurotiker zu helfen, sich in der Beziehung und Gesellschaft zurechtzufinden, diese gegebenenfalls zu verändern, indem er Verantwortung für sein Begehren übernimmt. Jene Person wie einen Erwachsenen zu behandeln, sie ernst zu nehmen und für sie da zu sein, also eine liebevolle Härte zu haben, ist denke ich in jeder Beziehung eine guter Weg um miteinander das Beste aus einer Beziehung herauszuholen. Anders gesagt, wenn ein Neurotiker sich anfängt in seiner Neurose wohlzufühlen, also bekommt was er braucht, ohne selbst dafür Verantwortung zu übernehmen, ist die Möglichkeit zur Veränderung eigentlich nicht mehr vorhanden. Und am Ende muss man sich als Helfer auch fragen, was für einen selbst drinnen ist, dem anderen helfen zu wollen. Denn gerade das Helfersyndrom, ich hatte es an anderer Stelle bereits diskutiert, lebt ja vom Kranksein und Krankbleiben der anderen Person.


Autor: Benjamin Seegert

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