• Benjamin Seegert

3.Gerda Barag - Zur Psychoanalyse der Prostitution (1937) - Die Hure/Die Dirne


Wie bereits im ersten Video geschildert, sieht Barag das Hauptmotiv der Frau sich als Prostituierte zu betätigen, nicht im finanziellen angesiedelt, sondern erkläre es sich aus psychischen Gründen heraus.


„Sie wird schon unhaltbar, wenn man sich nicht mit der Betrachtung der ärmsten Vertreterinnen des Berufes, für die er ausschließlicher und kärglicher Broterwerb ist, begnügt, sondern die großen Anzahl der Frauen berücksichtigt, die , ohne materiell genötigt zu sein, sich dennoch für Geld prostituieren, bis zu denjenigen, die ein Dirnenleben führen, ohne hieraus finanzielle Vorteile zu ziehen.“ Gerda Barag

Anders gesagt, so Barag, mit Verweis auf einen französischen Dichter, dessen Namen ich nicht weiß auszusprechen, erklärt sie, dass aufgrund analytischer Erfahrungen der vielen weiblichen Prostitutionsphantasien jede Frau den fakultativen Kern zur Hure/Dirne in sich trage. Dabei sei das besondere, dass, mit Freud gesprochen


„Die Dirne die allgemein menschliche polymorph-perverse Anlage für ihren Beruf ausbeute.“ Sigmund Freud

Wenn also der Freier nach einer versorgenden Mutter sucht, ist die Dirne die versorgende Mutter, und im Versuche darin besser als die Mutter, da sie dem Klienten gibt, was er wolle. Doch nicht nur ihm, sondern auch so vielen anderen. Sucht der Klient die anale, orale, aktive, passive, oder welche Befriedigung auch immer, kann sich die Dirne darauf einstellen. Doch hebt Barag besonders die orale, wenn man so will versorgende Komponente der Dirne hervor. Der Alkohol dient in dieser Hinsicht nicht nur der Enthemmung und Befriedigung des Freiers, sondern erfüllt auch für die Dirne selbst ein Bedürfnis. Ein nicht selten vorkommender Rauschgiftkonsum unter Dirnen soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben.


„Auch ihre >> Kaffeetrunksucht << soll ganz bedeutend sein, und nicht minder sind Dirnen gewöhnlich als starke Raucherinnen bekannt, wie auch die Rauschgifte unter ihnen stark verbreitet sind. Von dieser eigenen oralen Bedürftigkeit aus gesehen, verstehen wir auch die Verehrung der Hetären des Altertums für die großen Muttergottheiten.“ Gerda Barag

Barag unterstellt der Dirne, dass sie, wie jede Frau, einen Penisneid habe, aber unter diesem besonders leide. Ihr Verkehr mit dem Mann kann eher als ein Kastrationsversuch verstanden werden. Einerseits kann sich das darin ausdrücken, dass sie den Klienten unter Umständen unbewusst ruinieren möchte, was sich oft in einer gewissen Fahrlässigkeit gegenüber Infektionskrankheiten zeigt. Gleichzeitig würde der Freier versucht, über das Geld, förmlich ausgesaugt zu werden, ihm praktisch sein Wichtigstes zu nehmen. Die Dirne wolle zwar eine Mutter sein, so Barag, aber letztlich eine phallische.


„Mehr als einmal in der Geschichte haben sich Hetären zu völkerbeherrschender Königsmacht aufgeschwungen, und auf die engen Beziehungen des Amazonentums und des Hetärismus hat Bachofen mehrfach hingewiesen. Auch daß die großen Muttergottheiten und Beschützerinnen der Prostitution, wie etwa die mit dem Blitz oder der Lanze versehene Astarte oder die sonst bewaffnete Aphrodite als phallische Mütter dargestellt wurden, ist gewiß nicht nur Erfindung der Männer.“ Gerda Barag

Gleichzeitig sei die Dirne aber auch getrieben, von einem gewissen Vaterkonflikt. Barag beschreibt es als eine Jagd nach dem unerreichbaren Vater, nach dem unerreichbaren Phallus. Darin drücke sich dann gleichzeitig der Versuch der Bestrafung und der Kastration des Vaters aus.


„Wenn du mich nicht wolltest, so mögen mich zum Trotz alle anderen haben.“ Gerda Barag

Und ob man nun wirklich Vater ist, oder sich das für diesen Moment nur vorstellt, ist es kaum zu bezweifeln, dass man sich über seine Tochter mit am verwundbarsten fühlt. Wenn Papas kleiner Liebling durch die Männerhorden zieht, wie Moses durch das Rote Meer, dann macht das was mit den meisten Vätern, so wie ja auch der Schwiegersohn vom Vater sehr genau beäugt wird. Letztlich, um aber zum Thema zurückzukehren, darf sich diese Frau, oder die Dirne, die diesen Konflikt austrägt, den sexuellen Genuß, die tatsächliche Objektbesetzung nicht erlauben.


„Die Frigidität, die bis zur Anästhesie gehen kann, verstärkt die Leugnungstendenz, und mit der ganzen Wucht des ihr innewohnenden Hasses sträubt sich die Dirne gegen das Erlebnis des Orgasmus beim Verkehr mit dem Klienten. Reue und Scham darüber scheinen sie zu erfüllen, wenn es einmal doch bedauerlicherweise zum Erlebnis des Genießens kam.“ Gerda Barag

Dass dieser Konflikt, in ödipalen Gesellschaften, von Seiten der Tochter aus, fast unumgänglich ist, legt nahe, warum Barag zu der Ansicht kommt, wie es sich ja in den Phantasien innerhalb der Analyse zeigt, nicht nur dort, dass jede Frau den Keim zur Dirne in sich trage. Doch heißt das auch, dass das Begehren Dirne zu sein, etwas neurotisches ist, wie jeder Umgang mit Begehren, und damit auch sich verändern könne und täte. Für viele Frauen stellt die Lust zur Prostitution eine Phase dar, wie bestimmte sexuelle oder nicht-sexuelle Leidenschaften oft auch nur eine Phase darstellen.


„Manche im bürgerlichen Sinne mustergültige Ehefrau besitzt ein solches ängstlich gehütetes und von der Umgebung manchmal nicht geahntes Geheimnis.“ Gerda Barag

Autor: Benjamin Seegert

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