• Benjamin Seegert

Alfred Winterstein - Das Erlebnis der Schönheit (1931)


Was Kunst schafft oder schaffen soll, ist nicht außerhalb des Künstlers selbst, und dessen Motive zum Schaffen des Kunstwerkes selbst zu denken. Das Motiv was den Künstler zum Kunstwerk treibt, ist auch das, was letztlich auf den Rezipienten wirkt, bzw. wirken soll oder muss. Darin spielt der Aspekt der Schönheit die zentrale Rolle, so Winterstein, da gerade diese es ist, die das Unmögliche innerhalb der Kunst schafft, sich den primitiven Triebimpulsen auf sublimierter Weise widmen zu dürfen. Dass wir Schönheit empfinden können, und eine Lust daran haben, Schönes zu schaffen, schöne Kunst, ist dabei abhängig davon, dass wir ein ÜberIch besitzen. Erst aus dem Kampf des ÜberIchs mit den primitiven Triebimpulsen entsteht, so könnte man sagen, die Notwendigkeit zur Kunst.


„…: die Zustimmung des ÜberIch zur Veröffentlichung der ins Bewußtsein zugelassenen entstellten und verkleideten Tagträume scheint an neue, strenge Bedingungen geknüpft zu sein; der Schönheit des Werkes dürfte hierbei eine große Bedeutung zukommen, da durch sie vor allem das ÜberIch bestochen wird.“ Alfred Winterstein

Das was wir als schön empfinden ist dahingehend geknüpft an die Konstitution und Funktionsweise des ÜberIchs, und im Schönen muss sich diese Funktionsweise wiederfinden. Heißt, die Schönheit ist ein Versuch des Ich, gegenüber dem ÜberIch primitive Impulse durchzusetzen, zur Befriedigung zu bringen, und es aber durch die Form, man könnte mit Eidelberg sprechen, zu überlisten, mit Winterstein gesprochen, zu bestechen. Winterstein stellt heraus, dass die künstlerische Beschäftigung einen ihrer zwei Ursprünge in der analen Erotik findet, den anderen im Narzissmus. Im Bezug zum Analen kann die erste Produktion des Kindes, nämlich der Kot, als das erste Kunstwerk betrachtet werden. Die Betrachtung des Kotes und Spielen mit dem Kot durch Kleinkinder wird dabei schnell durch kulturelle und elterliche Gebote unterdrückt, die Lust, der Kern der Lust, bleibt jedoch bestehen. Um diese Lust, und die damit verbundene Schaulust ausleben zu können, wird das Werk erschaffen, welche durch seine Form das Überich überlistet, oder besticht, genossen werden zu dürfen. Es ist eine Weise, besonders durch das Publikum und dessen Bewunderung, eine Verdrängung rückgängig machen zu können, durch Verwandlung des Kotes in Kunst.


„Abraham führt diese Gewohnheit auf die Neigung zurück, die eigenen Darmprodukte anzuschauen. Narzißtischer Stolz und Schaulust sind an diesem analen Charakterzug natürlich gleichfalls beteiligt. Das Wohlgefallen, das das ÜberIch am schönen Werk findet, ist vielleicht als Sublimierung jener Tendenzen aufzufassen, zumal da in der beobachtenden, prüfenden Funktion des ÜberIch zweifellos der Schautrieb eine Rolle spielt.“ Alfred Winterstein

Das Bestaunen des Werkes, durch das die Kultur verkörpernde Publikum, erfüllt dabei die Funktion, im Bezug zur ÜberIch schaffenden Instanz, der Kultur, das Primitive trotz dessen, in verkleideter Form genießen zu dürfen, bzw. die Verdrängung rückgängig machen zu können. Auch dahingehend offenbart sich dann der narzisstische Stolz, im Sinne des Werkes als Produkt des eigenen Ich, des Willens, und damit als Symbol für sein Selbst. Der Künstler genießt seinen Narzißmus stellvertretend über sein Werk, fühlt sich geliebt, indem sein Werk geliebt wird. In dieser Hinsicht macht Winterstein deutlich, dass das Kunstwerk auch im Bezug zu den Eltern zu betrachten sei. Im Ödipuskomplex ermöglicht sich erst die Kunst, bzw. das Schöne, weshalb meiner Ansicht, in Ödipuskomplexlosen, matriarchalen, kommunalisierten, sozialistischen, kommunistischen Gesellschaften wirkliche Kunst überhaupt nicht möglich ist, nicht schön ist. Die Geschichte selbst ist wohl dafür bestes Zeugnis.

Das Schaffen der Kunst ist ein innerer Befruchtungs- oder Zeugungsvorgang, indem das ÜberIch mit dem Ich zusammenkommt. Das Ich identifiziert sich mit der gebärenden Mutter, welche dem Überich, dem Vater gefallen möchte. Es muss sich so verändern, dass es dem Vater gefällt, muss schön sein, um dessen Begehren erhalten zu können. Auch in dieser Hinsicht kann man mit Wittels sagen, schön ist nicht was gefällt, sondern was gefallen soll. Erst wenn das Produkt in seiner Form das ÜberIch bestechen kann, kann es vom ÜberIch zur Befriedigung zugelassen werden. Auch daher ist der Begriff der Schönheit, auch für das Weib reserviert, für das sogenannte schöne Geschlecht.


„Nach der Ansicht des Biologen W.Fließ liegt ja das Wesen des Genies überhaupt im Hermaphroditischen; er betrachtet das Werk als ein Produkt der inneren Befruchtung des Bisexuellen.“ Alfred Winterstein

Der Schaffensrausch des Künstler, welcher oft einem gewissen Konflikt oder einer Anfangshemmung unterliegt; Künstler sind oft nicht unbedingt die Produktivsten Menschen, vergleicht Winterstein der Manie, in welcher das ÜberIch aufgelöst wird, oder zumindest, da das Ich vom ÜberIch geliebt wird, das Ich sich stark und allmächtig fühlen kann. Diese Manie ist jedoch auf das Kunstwerk verschoben. Im Gegenzug ist die Hemmung durch das ÜberIch, bzw. durch die Distanz dazu begründet.


„Diese Angst vor der väterlichen Kastration und vor der dadurch bewirkten Impotenz äußert sich beim Schaffenden als Angst vor Nichtkönnen auf künstlerischem Gebiete („Kunst kommt von Können“), wie ja überhaupt der Verschiebungsmechanismus beim Künstler eine große Rolle zu spielen scheint: er verschiebt die Energie der Affekte, die in ihm unbewußt nach Ausdruck ringen, auf die Formgestaltung und das an ihnen haftende Schuldgefühl auf das Gebiet des ästhetischen Gewissens.“ Alfred Winterstein

Autor: Benjamin Seegert

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