• Benjamin Seegert

Benjamin Seegert - Das Helfersyndrom


Helfen, im Kontext des Helfersyndroms ist ein Akt der den anderen benutzt, braucht. Man könnte sagen, der Helfer ist vom Geholfenen abhängig. Der Helfer braucht sein Opfer, da er an diesem eigene Konflikte und Begehren ausleben kann, diese auf die geholfene Person projizieren kann. In dieser Hinsicht spiegelt dann die andere Person, ich nenne sie, als Hinweis auf die unterschwellige Aggression und versteckten Begehren die sich im Helfen ausdrücken, Opfer, eigentlich nicht eine andere Person wider, sondern zu nicht geringen Teilen die Person des Helfers selbst. Die Versorgung des Opfers ist dahingehend eine projizierte Selbstversorgung. Der Helfer kümmert sich nicht um das Opfer, sondern um sich selbst, den er im Opfer sieht. Man kehrt die passive Rolle in der man als Kind sich befand in eine aktive um, projiziert seine eigenen Versorgungswünsche und Person auf den anderen, um über diesen sich selbst zu heilen, nachzuversorgen. Das hat gewichtige Konsequenzen, da das bedeutet, dass z.B. ein Therapeut mit einem Helfersyndrom nicht den Patienten therapiert, sondern sich selbst. Die Krux ist jedoch, dass er dabei dann an beiden Aufgaben scheitern muss. Der Erfolg des Helfens würde ihm die Beziehung ersparen, er verlöre die Möglichkeit, sich indirekt um sich selbst zu kümmern, seinen Wiedergutmachungsversuch an sich selbst auszuleben. Die scheinbare Großzügigkeit, Selbstlosigkeit, mit der sich der Helfende dann rühmt, ist eigentlich ein egoistischer Akt, der die andere Person in der Abhängigkeit halten soll. Die masochistische Komponente der Beziehungsgestaltung, also die Aufopferung, kann dabei sehr schnell in Sadismus umschlagen, wenn die Person die Hilfe ausschlägt oder (aus)nutzt, aber nicht auf die unbewusste Beziehungsdynamik eingeht.


„Benimm dich so, daß ich mich mit dir identifizieren kann! Bei einer Weigerung des Objektes, dieser Forderung Genüge zu leisten, ist die Bereitschaft, aus der jungen Liebe in die ursprüngliche Feindseligkeit zurückzukehren, groß.“ Otto Fenichel

An dieser Stelle wird auch deutlich, wie sehr Mitleid und Empathie eigentlich einzig sublimierte Aggression ist. Einfühlung ist nicht initial altruistisch, sie ist aus der Not heraus entstanden, sie ist die passive Variante, Beziehungen zu halten, wenn man sie nicht aktiv halten kann. Jede solcher Hilfe ist in dieser Hinsicht auch immer logischerweise eine Anklage der eigenen Eltern und der aus der Kindheit sich verschleppte Wunsch, von diesen geliebt und versorgt zu werden, bzw. die Unfähigkeit und der Unwillen, diese Liebe aufgeben zu müssen, einsehen zu müssen, dass die Eltern ein Paar sind, und man sich selbst seine eigene Familie suchen muss, heraus muss aus dem Paradies der elterlichen Versorgung.


„Der Wunsch, verstanden zu werden, kann unsere rachsüchtigste Forderung sein, kann die Art sein, wie wir als Beleidigung an unserem Groll gegen unsere Mütter festhalten; So wie wir unsere Mütter niemals vom Haken lassen, weil sie nicht alle unsere Bedürfnisse erfüllen. Als Erwachsene verstanden werden zu wollen, kann unsere gewalttätigste Form der Nostalgie sein.“ Adam Phillips

Dahingehend ist das Helfersyndrom auch eine Unfähigkeit mit dem Nein des anderen umzugehen sowie eine Unfähigkeit Nein sagen zu können. Wobei nicht Nein sagen können, eigentlich nicht Nein sagen wollen bedeutet. Man ist unfähig zu fordern oder zu bitten, zu seinen Begehren aktiv zu stehen. Daher ist die Helfergeste am Anderen auch eine Aufforderung an den anderen, an die Gesellschaft, einen ebenso zu versorgen. Da man so gut zu einem war, hofft man, dass die Welt auch so gut zu einem sei, ohne das man danach fragen muss, dazu stehen muss. Und das ist ebenso die Krux, dass der Helfende in dieser Hinsicht eine Schwierigkeit hat, mit dem Nein des anderen umzugehen. Er fürchtet sich so sehr davor, sein Begehren zu formulieren, es an den Mann zu bringen, da er sich einerseits schuldig der Durchführung fühlte, und andererseits da der Andere Nein sagen könnte, und diese Zurückweisung eine Beschämung wäre und schmerzlich. Auch in Beziehungen finden sich ähnliche Modi wieder. Statt z.B. den Akt und das Begehren in den Vordergrund zu stellen, zu seinem Begehren zu stehen und es aktiv auch umzusetzen, wird Sexualität und Beziehung übermoralisiert, zu einem Tauschverhältnis von fürsorglichen Gesten, welche eigentlich nicht der Handlung selbst wegen vollzogen werden, sondern der Hoffnung auf Rückzahlung wegen. Sie bläst, damit er sie nicht verlässt, er massiert, damit sie ihm einen bläst etc. So alltäglich und konkret sexualisiert das Beispiel auch sein mag, ist es gerade die Sexualität, welche sehr schnell durch solche Versorgungswünsche pervertiert wird, bzw. woran sich solche Versorgungswünsche und eigene Unfähigkeiten festmachen. Es ist am Ende zu einer Art emotionalen Erpressung geworden, ganz im Sinne des Helfersyndroms. Gerade Leute mit Helfersyndrom sind besonders geneigt unter einem sogenannten Burnout zu erkranken. Sie sind unfähig aktiv nach Liebe zu fragen, und haben panische Angst vor dem möglichen Nein des anderen. Gleichzeitig sind sie unfähig, sich zu erotisieren, sich liebenswert zu machen, was etwas anderes ist, als jemand aus Schuldgefühl zur „Liebe“ zu nötigen. Der Helfer aber opfert sich für den anderen auf, in der geheimen Hoffnung der Wiedergutmachung, der Rückzahlung. Kommt diese nicht genügend, adelt sich der Helfer selbst durch das Burnout. Das Burnout ist dahingehend die neurotische Inszenierung dessen, dass man ein zu guter Mensch für andere war, bzw. so gesehen werden möchte. So kommt dann die Versorgung zu einem, und wer Glück hat, bekommt auch noch einen sexuelle Belohnung dazu. Die Idee der Krankenschwester, welche besonders in der Pornographie und im sexuellen Rollenspiel, sich um einen in Krankheit kümmert, ist kaum anders motiviert. Man hat sich so sehr aufgeopfert, dass man nun von der Krankenschwester, der Mutti gepflegt und geliebt werden darf. Sie wird dafür auch noch bezahlt und man unterstellt der Krankenschwester so und so Charakterzüge die sie helfen lassen will, ähnliche Charakterzüge die man dann auch der Prostituierten unterstellt, und schon hat man sich sogar vom Schuldgefühl befreit. Dass die Pflege dahingehend nicht selten einen Teufelskreis in Gang setzt, der mehr und mehr Regression zur Konsequenz hat, und der Gefahr läuft, den gefallenen Helden eher kränker als gesund zu machen, sei nur am Rande erwähnt. Der Helfer, und das wird durch die Bank deutlich, ist abhängig von seiner Hilfe. Und bräche diese Weg, wüsste er nicht, wozu sein noch Leben. Denn diese Form der Liebesgewinnung ist der klägliche Mittelpunkt seiner Leidenschaften. Außer dieser, ist ihr Leben nicht selten erstaunlich arm.


Autor: Benjamin Seegert

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