• Benjamin Seegert

Benjamin Seegert - Der BlowJob

Aktualisiert: 29. Juli 2020


Wie so vieles und letztlich auch jede Art sexuellen Interagierens, ist auch der BlowJob Zeugnis einer Symbolisierung. Anders gesagt, Oralverkehr ist mehr als es ist, es bedeutet etwas, es verweist auf eine Bedeutung und geht über die reine physiologische Stimulation hinaus, die selbstredend einer Grundpfeiler der Genußmöglichkeit darstellt. Die Zunge, das Saugen, die Feuchtigkeit etc. sind natürlich Aspekte, die die sinnliche Sensation besonders wirken lassen.

„…sie besaß einige der notwendigen Eigenschaften, ihrer sexuellen Leistungen waren auf einem sehr hohen Niveau, besonders was den entscheidenden Bereich des Blowjobs anging, sie leckte die Eichel hingebungsvoll, ohne dabei je die Eier aus den Augen zu verlieren,…“ Michel Houellebecq - Serotonin

Was BlowJobs für den Einzelnen bedeuten, kann natürlich nur der Einzelne entziffern. Doch drängen sich einem in der Betrachtung des BlowJobs bestimmte, mglw. allgemeine Zusammenhänge. Für meines Wissens nach die meisten Männer stellt der BlowJob eine Art Garantie dar, dass wenn das Glied sich vor dem Kampfe fürchtet, dessen Gehorsam wieder zu erlangen und eine Erektion zu ermöglichen. Besonders in diesem Zusammenhange erweist sich der BlowJob als die Möglichkeit des Genießens, ohne versagen zu können. Der BlowJob ist ein Geschenk an die andere Person, ohne konkret physiologischen Nutzen für den Ausführenden. Daher gibt es den Druck des Versagens initial an dieser Stelle nicht, man wird versorgt, mit Stimulation, mit Liebe. Der Wunsch den Mann zu befriedigen steht im Vordergrund, die lustspendende Person „erniedrigt“ sich dahingehend zum lustspendenden Objekt. Sie gibt sich einem hin, entledigt einem aber gleichzeitig der Notwendigkeit aktiv sein zu müssen. Die Aktivität des männlichen Begehrens im Bezug zu seinem Phallus wird umgekehrt, ohne jedoch in eine passive Physiologie sich zu wandeln. Es ist praktisch die Ermöglichung des Unmöglichen, dass Passiv und Aktiv verschmelzen. Damit übernimmt der lustspendende Part die ganze Verantwortung dafür, dass der Akt befriedigend ist, enthebt den Mann von seiner möglicherweise gefühlten Verantwortung leisten zu müssen, phallisch sein zu müssen. Praktisch kann der Mann in diesem Moment phallisch sein, weil der Genuß sein Phallus in den Vordergrund stellt, dabei aber versorgt werden, im psychosexuellen mglw. oralen Sinne. Natürlich kann sich auch hier das Problem einstellen, dass sogar dieser Akt der eigenen Neurose zum Opfer fällt und man als Mann sich seiner passiven Position, oder der Erniedrigung der anderen Person schämt und schuldig fühlt. Es darf ja nicht sein, dass nur mein Genuß im Vordergrund steht, es darf ja nicht sein, dass nur man selbst genießt und die andere Person für einen arbeiten muss. Dann werden die Rollen tatsächlich wieder umgedreht, und man fühlt sich verpflichtet den Akt möglichst schnell zu beenden, die Frau aus der Erniedrigung zu befreien, ihr zu zeigen, dass sie es gut gemacht hat, indem man ihr einen Orgasmus schenkt. Das allein ist Zeugnis, dass sich das Überich in den Akt eingeschlichen hat, was den Genuss behindern muss. Auf einmal fühlt sich der Mann doch wieder in der aktiven Position, etwas leisten zu müssen. Die fehlende Hingabe der Frau, die mangelnde Freude an der Freude des Mannes, trägt dann seinen nicht geringen Teil dazu bei. Wenn die Frau unfähig ist den Genuß des Mannes zu indirekt zu genießen, zeigt sich dieses konkret in der Art der Fellatio, und indirekt in dem Gefühl innerhalb des Mannes, sich nicht dem Gefühl hingeben zu können. Nicht wenigen Männern fällt diese Position, des sich Bedienen-Lassens schwer, und nicht wenigen Frauen die Position des Bedienens, wo doch heutzutage das feministische Dogma des Verbotes der Frau sich hinzugeben, sogar vor dem intimsten Akte nicht Halt macht. Dieser Zusammenhang kann natürlich in beide Richtungen gedacht werden. Auch die Frau kann sich schämen, schuldig fühlen, wenn sie oral befriedigt wird, und auch der oral befriedigende Mann kann das Gefühl erzeugen, die Lust der Frau nicht genießen zu können.

„Und ihre Fellatio! Nie hatte ich Ähnliches gekannt, an jede Fellatio machte sie sich heran, als wäre es die erste und letzte in ihrem Leben. Jede Fellatio von ihr hätte genügt, das Leben eines Mannes zu rechtfertigen.“ Michel Houellebecq – Unterwerfung

Die Angst vor der Kastration durch die imaginierte Vagina Dentata, also die Vagina mit Zähnen, hat schon den einen oder anderen zur Homosexualität getrieben. Im Bezug zum Oralverkehr scheint es jedoch geradezu so, als würde diese Verwundbarkeit begehrt, diese völlige Hingabe, dieses Ausgeliefertsein an die Frau. Es wäre ein leichtes, real gesprochen, den Penis abzubeißen, wie es mit der Vagina ja nur phantasiert möglich wäre. In gewisser Hinsicht unterzieht sich der Mann in diesem Momente auch wirklich einer Kastration, zumindest mag er mit dem Gedanken spielen, besessen zu werden, verschleiert jedoch durch die vermeintliche Unterwerfung der Frau. Ein wenig mehr aus Sicht der Frau, kann man den BlowJob auch als eine Art phantasierten Penisraub verstehen. Sie hat jederzeit die reale und phantasierte Möglichkeit, den Penis abzubeißen, den Mann seiner Männlichkeit zu berauben. Darüber hinaus, die Lust des Mannes, die Kinder, im Sinne des Ejakulats werden im besten Falle verschlungen, ähnlich Kronos die seinen verschlungen hatte. Und in Anbetracht dessen, wie sehr viele Männer einen guten BlowJob schätzen, beraubt die Frau den Mann seines Gliedes oft tatsächlich, zumindest in Bezug zu anderen Frauen, da sie den Mann durch die Befriedigung an ihn bindet. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, sie besitzt imaginiert jetzt den Penis des Mannes, sein bestes Stück und könnte diesen Besitz umgehend real machen, wenn der Mann sich ihrem Sog entziehen wollte. Möglicherweise ist diese theoretische Gefahr die vom Biss der Frau ausgeht, Teil des Reizes den Blowjobs ausmachen und der Mann mimt den Flug des Ikarus, einzig nicht selbst entscheiden zu können, wie nahe er dem Wasser oder der Sonne kommen möchte. Der Mann kann, wenn er die Angst aushält, der Gefahr des großen Tod, des Raubes seines Lustorgans, mit dem kleinen Tod belohnt werden; dem Orgasmus. Wie bereits angedeutet ist die Versorgungsgeste offensichtlich, und ähnlich wie dem Kinde, welches auf dem Wickeltisch liegt, wird der Mann durch die Frau verwöhnt. Auch frühzeitig lernt das Kind die Scham um das Genital. Es darf nicht frei gezeigt werden, man darf es nicht anblicken, die Mutter blickt und verhält sich anders, wenn es um die Pflege des Genitales geht, als um andere Körperregionen. Nicht selten werden die Genitalen verdeckt. Der BlowJob ist in dieser Hinsicht eine Rückgängigmachung dieser Abwendung des Blickes. Es ist ein exhibitionistischer Genuß auf Seiten des Mannes, in seiner Scham erblickt zu werden. Diese drängt sich dann dem Blick im Vollzug unweigerlich auf, was durch die Phantasie verdeutlicht wird, den BlowJobs angezogen zu vollziehen und einzig der Penis guckt heraus. Man kann diese Version als eine Stilisierung des Exhibitionismus verstehen, als ein Protest gegen die Scham.

Der Akt des Stillens durch die Mutter, was man im Sinne der oben genannten Versachlichung auch als Melken bezeichnen könnte, weist darüberhinaus enorme Parallelitäten zum Oralverkehr auf.

„Die Brustspitze, ein hochsensibles erektionsfähiges Organ, dringt in die warme, feuchte Mundhöhle des Säuglings ein. Während Lippen, Kiefer und Gaumen das Organ umschließen, es rhythmisch saugend massieren und dadurch seine Erektion erhalten, ergießt es seinen besonderen Saft in die tiefere Schlundregion des Kindes.“ Barbara Sichtermann

Man könnte sich nun fragen, ob der passiv erlebte BlowJob des Mannes möglicherweise einer phantasierten Umkehrung der Rollen und der Positionen gleichkäme, welche das Äquivalent zum Penisneid darstellen könnte, eine Art Stillneid. Ich glaube, um diesen Schluss wirklich ziehen zu können bedarf es weiterer Untersuchungen, aber ich gehe auch davon aus, dass man sich schon einiges verbiegen müsste, um es so zu deuten. Ich denke es ist ein weiter Sprung, dem Mann nun zu deuten, dass er sich mit der Mutter identifiziere. Ich meine, dass das eher ein Einzelfall als ein generalisierbarer Fakt wäre. Der Mann versorgt ja nicht die Frau im Blowjob, wie die Mutter im Stillen das Kind versorgt. Aber darüber soll an anderer Stelle geurteilt werden.


Autor: Benjamin Seegert

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