• Benjamin Seegert

Benjamin Seegert - Wohlstand, Krankheit und Konflikt

Aktualisiert: 2. Aug 2020



„Ratten, die ein elektrisch geladenes Gitter überqueren müssen, um an Futter und Wasser zu gelangen, bekommen mit der Zeit Magengeschwüre. Eine einfache Elektroschockbehandlung der Ratten hat keineswegs diesen Effekt. Es bedarf vielmehr des Schwebens im Konflikt oder des Stresses angesichts der Entscheidung, ob man jetzt das Gitter überqueren oder den damit verbundenen Effekt nicht doch vermeiden soll.“ Julian Jaynes

Freiheit, grob gefasst, ist die Möglichkeit zu wählen, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Doch ist es gerade diese Freiheit, die dem Menschen einer der größten Bürden ist, und gegen jene er vehement ankämpft. Die klassische Psychoanalyse versteht sich als Konflikttheorie. In dieser Hinsicht siedelt sie die Neurose nicht in der Notwendigkeit, also in der Selbsterhaltung an, sondern in der Möglichkeit, also der Sexualität. Anders gesagt, Nahrungsaufnahme oder Atmen kann nicht verschoben, verdrängt oder sublimiert werden. Wird dem Bedürfnis nicht nachgekommen, stirbt das Individuum. An dieser Stelle gibt es keinen Konflikt, weil keine Wahlmöglichkeit. Hingegen ist die Sexualität, also die Lust die über die Selbsterhaltung hinausgeht, sehr wohl verschiebbar. Und an dieser Stelle zeigt sich das Problem. Keine Wahl ist zwingend, was bedeutet, dass trotz einer Wahl die Alternative im Raum der Möglichkeiten bestehen bleibt. Das betrifft Partnerwahl oder Jobwahl, aber auch den Umgang mit Freizeit, Hobbies und Interessen. Exemplarisch ist dafür z.B. der Freizeitstress. So kann man während der Arbeit relativ konfliktfrei seinen Tag verbringen, aber sobald die Freizeit anfängt fühlt man sich gezwungen, getrieben von den Ideen, Vornahmen etc. die man für diese Zeit hat, und kommt am Ende zu nichts.Mit weniger Entscheidungsmöglichkeiten, hat das Individuum auch weniger Konflikte und somit weniger Verantwortung. Es kann sich zwar weniger entfalten, etc. aber es wird auch nicht dem Konflikt gegenübergestellt, Verzicht leisten zu müssen bzw. zu wollen. Wenn man z.B. in einem Dorf lebt, und es nur einen Beruf, oder eine Frau zur „Wahl“ gibt, dann stellt sich meistens nicht die Frage, und auch nicht das Problem in Form eines Konflikts. Das Begehren kann konfliktfrei fließen und man genießt in den meisten Fällen ein einigermaßen zufriedenes Leben. Erst wenn eine Alternative, auch noch so klein, in den Raum der Möglichkeiten rückt, beginnt der Konflikt. In dieser Hinsicht ist Wohlstand gleichzeitig eine Bürde. Sie fordert einen zur Wahl auf, zur Entscheidung und damit zur Verantwortungsübernahme für das eigene Begehr. Dieser Herausforderung gewachsen zu sein, den Verzicht leisten zu wollen, unterscheidet Kind von Erwachsenen. Nun wird immer wieder beschrieben, dass z.B. Religion eine gesundheitsfördernde Wirkung auf den Menschen hat. Doch liegt das weniger an den Ritualen, sondern an der mehr oder weniger starken Unterwerfung unter einen Kodex. Bestimmte Entscheidungen werden einem abgenommen, bestimmten Verboten ordnet man sich unter. Das emanzipiert den Menschen zwar nicht, setzt ihn aber auch nicht dem Konflikt aus. Die Frage was richtig oder falsch, gut und schlecht ist, gibt es nicht, oder zumindest weniger. Ebenso funktioniert die Armee, in der es beabsichtigt ist, dass das Individuum sich unterordnen muss, auch zum eigenen Wohle. Das Befehle befolgen, ist das was einen Soldaten vor der Verantwortung, vor dem Konflikt schützt, und ihm ermöglicht trotz theoretisch potentiell traumatischer Erfahrungen gesund zu bleiben. Der Soldat erfüllt seine Pflicht, nicht seine Wahl. Nun ist das sogenannte „Burnout“ ja ein ähnliches Phänomen. Es ist die Konsequenz eines Konfliktes, zwischen verschiedenen Begehren, Ansprüchen und Möglichkeiten. Dabei ist es nicht die Arbeitsanforderung die einen ausbrennt, nicht das Arbeitspensum, sondern der dauerhaft schwelende Konflikt. Will ich diesen Job machen oder einen anderen, habe ich das richtige studiert, wie sollte ich mit meinen Kollegen umgehen, wieviel Zeit möchte ich für wieviel Geld opfern, ist mein Partner der richtige, möchte ich nochmal Kinder, was mache ich in meiner Freizeit, was für ein Mensch möchte ich sein, bin ich zufrieden mit mir?Glücklich kann sich dabei schätzen wer nur am sogenannten Burnout erkrankt. Jaynes Theorie nach, war der Konflikt für den Urmenschen in der Illias noch unaushaltbar, sodass dieser, sobald er mit einem Begehrenskonflikt konfrontiert wurde, statt neurotisch zu werden, psychotisch dekompensierte, und statt einer absichtlichen Entscheidung zu treffen, Halluzinationen auftraten, jene befahlen was zu tun.


„Achilleus, von Agamemnon gedemütigt, halluziniert also im Entscheidungsstress bei den grauen Gewässern Thetis aus dem Nebel. Hektor in der Qual der Wahl, ob er Trojas Mauern verlassen soll, um draußen vor den Toren mit Achilleus zu kämpfen, oder ob er besser in der Stadt bleibt, halluziniert also im Entscheidungstreß die Stimme, die ihn nach draußen gehen heißt. Die göttliche Stimme macht dem Entscheidungsstreß ein Ende, bevor er überhaupt ein nennenswertes Ausmaß erreicht.“ Julian Jaynes

Dass wir Kulturmenschen sind, hat zur Folge, dass die meisten von uns nicht mehr psychotisch dekompensieren, so doch ist unsere Aufgabe, Schuld, Scham, Reue, Verzicht einer jeden Entscheidung auszuhalten, zu unserem Begehren zu stehen. Wir sind mit der Aufgabe konfrontiert, die Kastration anzuerkennen und gutzuheißen. Um genießen zu können, muss man fähig werden, sich selbst der Kastration zuzuführen, nicht durch Unterwerfung unter ein Dogma, oder den Beitritt in Kirche oder Islam, sondern durch Aushalten und Gutheißen des Verzichts. In einer Welt der Entscheidungsmöglichkeiten kann man nur genießen, indem man Verantwortung für sein Begehr übernimmt. Wer nicht Nein sagen kann, kann auch nicht Ja sagen. Wer sich nicht abgrenzen kann, kann auch nicht verschmelzen, wer nicht allein sein kann, kann nicht zusammen sein, und wer weiß, wer nicht hassen kann, kann vielleicht auch nicht lieben…


Autor: Benjamin Seegert

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