• Benjamin Seegert

Die verschleierte Welt - Die Behandlung einer Depersonalisation



 „Den Depersonalisierten erscheint die Welt fremd, eigentümlich, unheimlich, wie traumhaft. Auch die taktilen Eigenschaften der Gegenstände scheinen merkwürdig verändert. []Das Gefühlsleben zeigt gleichfalls schwere Störungen. Die Patienten klagen, sie könnten weder Lust noch Unlust empfinden, Liebe und Haß sei in ihnen erstorben. In ihrer Persönlichkeit fühlen sich die Kranken grundlegend verändert und ihre Klagen gipfeln darin, sie seien sich selbst fremd geworden, sie seien wie tot und leblos wie Automaten.“ Paul Schilder

Depersonalisation, als generelles Entfremdungsempfinden, tritt häufig als Begleiterscheinung vieler neurotischer Erkrankungen auf. Aber, und das ist für diesen Fallbericht bedeutend, sie kann auch als vordergründige, für sich stehende neurotische Manifestation vorkommen. Die Mechanismen sind in beiden Fällen nicht so sehr unterschiedlich, es ist eher die Frage, welche Form der Abwehr bei dem jeweiligen Patienten vordergründig ist. Der hier vorzustellende Fall handelt von einer 33jährigen Frau, welche wegen starken Entfremdungsgefühlen und Gefühllosigkeit bereits 7Jahre in Analyse, bei 3 Analytikern war. Die letzte Analytikerin verwies die Frau an Ludwig Eidelberg, da sie hoffte, dass die Behandlung durch einen männlichen Analytiker besser fruchten könnte. Während der bisherigen Analysen ging es der Patientin besser, jedoch immer nur in der Phase der Behandlung. Sie war nicht geheilt, vielmehr konnte sie ohne Analyse nicht auskommen.


„Ich hätte zunächst erwartet, daß die Patientin das Material der vorangegangenen Analyse als Widerstand verwerten würde, doch zeigte es sich bald, daß sie fast alles, was in ihrer Analyse besprochen wurde, wieder vollkommen verdrängt hatte. Die Patientin machte sich deswegen schwere Vorwürfe und bemühte sich, durch erhöhte Aufmerksamkeit ihre Lücken auszufüllen. Es zeigte sich aber bald, daß diese Patientin, die meist alle möglichen Dinge gut auffassen und richtig schildern konnte, dann wieder völlig versagte und einen geradezu dementen Eindruck machte. Sie verstand nicht, was ich sagte, sie merkte sich keine Deutung, es gab keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Stunden.“ Ludwig Eidelberg

Die Patientin schob diese Schwierigkeiten auf Hörprobleme. Diese wurden tatsächlich medizinisch nachgewiesen, waren aber in so geringen Ausmaß, dass keine reale Beeinflussung dadurch zu rechtfertigen sei. Eidelberg forderte die Patientin auf, wann immer sie etwas nicht verstehe, es zu sagen.


„Die Analyse dieses Symptoms gelang erst viel später, und so mußte ich lange Zeit sehr laut sprechen. Es zeigte sich aber bald, daß auch mein lautes Sprechen die Schwierigkeiten nicht beseitigte. Die Patientin meinte vorerst, daß ich auf sie böse sei, da ich so laut spreche, ´man ist immer böse, wenn man laut spricht´.“ Ludwig Eidelberg

Beschwichtigungen gegenüber der Patientin halfen nichts. Die Deutung, dass die Patientin selbst böse sei, und dieses Böse sein aber auf den Analytiker projizierte, konnte sie nachvollziehen, hatte sie es auch in den vorigen Analysen gehört. Dieses Verständnis führte, wie bei vielen anderen Deutungen aber einzig dazu, dass die Deutungen und die Erkenntnis der Patientin wieder verloren gingen. Eidelberg erkannte, dass er sich in die Irre hat führen lassen, indem er diesem Sachverhalt die falsche Bedeutung beilegte. Das ständige Wiederholen und scheinbare Durcharbeiten verfehlten ihren Zweck. Denn, so Eidelberg, die Patientin fühlte sich wohl in der Analyse, wollte diese nicht aufgeben. Kurz vor Beginn der Behandlung ließ sich die Patientin entjungfern. Sie erhoffte sich, durch Leben ihrer Sexualität ihre Heilung zu beschleunigen. Auch wenn das im psychoanalytischen Sinne gedacht ist, ist diese Weise natürlich sinnlos gewesen. Es kam nicht zur Heilung, sie spürte weder Schmerz noch sexuelle Erregung. Trotz vielem Blutes und besseren Wissens zweifelte die Patientin am Vollzug der Defloration, welche daraufhin ärztlich nachgewiesen werden sollte und wurde.


„Ihre Krankheit begann in ihrem 16. Lebensjahr im Anschluss an eine Verliebtheit in einen Kollegen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Patientin den Männern keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Nun trat ein eigentümliches Gefühl von Entfremdung auf: die Welt erschien ihr unwirklich, wie durch einen Schleier, außerdem stellte sich ein Zwang ein, sich selbst zu beobachten, der äußert unangenehm empfunden wurde.“ Ludwig Eidelberg

Sie schob diese Gefühle auf ihr zu starkes Beschäftigen mit geistigen Angelegenheiten, wobei auffällig war, dass die Entfremdungsgefühle mit Abklingen der Verliebtheit wieder versiegten. Eine erneute romantische Anbahnung erzeugte wieder Entfremdungsgefühle und zwanghafte Selbstbeobachtung. Doch gerade das zwanghafte Selbstbeobachten und Verstehen wollen, welches sich auch in der Analyse zeigte, verhinderte genau dieses Verständnis. Umso mehr sich die Patientin versuchte zu konzentrieren, umso schlechter verstand sie. Eidelberg deutete der Patientin, dass ihre scheinbare Dummheit, eine Aggression sei, die sie an ihm auslebe, gleichzeitig aber auch eine Selbstbestrafung durch die Selbstherabsetzung und Verlängerung der Analyse.


„Technisch schwierig war es, der Patientin zu zeigen, daß ein Symptom, das ihr lästig war, auch gleichzeitig eine unbewusste Befriedigung bedeuten konnte. Die Möglichkeit einer Befriedigung leugnete die Patientin energisch, und als ich ihr an Hand von Einfällen und Träumen das Vorhandensein einer Befriedigung im Symptom doch zeigen konnte, akzeptierte sie dies bloß verstandsmäßig.“ Ludwig Eidelberg

Es fiel Eidelberg auf, dass die Patientin oft vor oder nach der Stunde die Toilette aufsuchte. Das Ansprechen auf ihr Verhältnis zum Stuhl erregte sofortig große Mengen an Affekt und Abwehr. Sie litt häufig unter Verstopfung, welche sich immer dann ihren Weg bahnen wollten, wenn sie keine Zeit hatte. Die Kotstange blieb stecken, so dass die Patientin auf eigenwillige Weise nachhalf, indem sie ihren Damm drückte. Durch weitere Besprechung dieser Betätigung, welcher die Patientin sich außerstande sah aufzugeben, erklärte die Patientin, dass sie damit sich selbst vor einem Dammriss schützen wollte. Eidelberg deutete die Kotstange als Penis, was sich besonders in ihren Träumen und Einfällen bestätigt sah. Infolge dieser Deutung gelang ihr einige Male eine Defäkation, ohne Nachhelfen, welche sie als angenehm empfand. Sie habe ein reines Gewissen wenn sie nicht nachhelfe, was sie zugeben ließ, dass das Nachhelfen eine verbotene, geheim Lustquelle darstellte.


„Die Entlarvung des Penis als Kotstange gestattete, das Problem des Penisneides in die Besprechung wieder aufzunehmen. Langsam beginnen wir diesen Kotpenis, der an Stelle des Penis geschaffen wurde, als das anale Kind zu erkennen.“ Ludwig Eidelberg

Eine Bearbeitung des Ödipuskomplexes war an dieser Stelle noch nicht möglich, aber es gelang der Patientin eine gewisse Befriedigung während des Sexualverkehres mit ihrem Freund zu erleben. Eidelberg wendet sich wieder der scheinbaren Schwerhörigkeit zu, und auch hier zeigte sich, dass diese im Zusammenhang mit onanistischen Verhalten steht. Die Patientin, sehr auffällig auf Körperpflege bedacht, kann ihre Ohren nicht putzen, aus Angst diese zu verletzen.


„Sie erinnerte sich, daß sie längere Zeit mit dem Finger im Ohr bohrte, wobei sie ein angenehmes Gefühl, zugleich aber auch große Angst hatte, durch dieses Bohren taub zu werden.“ Ludwig Eidelberg

Ihr Unverständnis zeigt sich der Patientin dahingehend als Onanie auf. Sie darf nicht verstandene Worte nicht ergänzen, sie muss sie klar hören, sie sich immer wieder ins Ohr rufen, um die dauernde onanistische Wiederholung beizubehalten. Das so empfundene Eindringen der Worte in ihr Ohr zeitigt dann besonders ihrer analen Tendenzen. Nach diesen Deutungen des Analytiker und Erkanntnisses der Patientin verbessert sich ihr Zustand schlagartig und deutlich. Die Verständnislosigkeit scheint zerstört, wodurch sich interessanterweise auch die Depersonalisation im Allgemeinen verringert. Die Patientin wurde jedoch häufig rot, litt unter Erröten. In diesem Kontext wurde ein unbewusster Exhibitionismus vermutet. So assoziiert sie, dass sie enorme Angst habe, beim Sexualverkehr ertappt zu werden, oder dass die Nachbarn ihr Bett knarren hören könnten.


„Als ich der Patientin nun den Wunsch, ertappt zu werden, zeige und den Zusammenhang mit den Erinnerungen an kindliche Exhibitionen herstelle, begegne ich heftigem Widerstand.“ Ludwig Eidelberg

So zeigte sich auch das häufige auf die Toilette gehen vor oder nach der Stunde in diesem Kontext. Gleichzeitig berichtete die Patientin, dass als sie 14 Jahre war, sie in Konkurrenz zu den Jungen treten wollte, indem sie sich geistigen Dingen widmete. Sie ging oft mit einem ernsten Buch in den Park und wollte dabei gesehen werden. Dabei fiel ihr besonders dann das Lesen schwer, und sie fühlte sich eigenartig benommen, verstand nichts. Im interessanten Zusammenhange dazu stehend war, dass die Patientin öfter die Versuche im Stehen zu Pinkeln sehr genoss, auch als Erwachsene.


„Wir hatten bis dahin schon einige Male vom Penisneid der Patientin gesprochen, ohne sie vollkommen zu überzeugen. Sie berichtet jetzt, daß sie bei ihrem letzten Zusammensein mit ihrem Freund ein stolzes und angenehmes Gefühl hatte, als sein Penis in ihrer Hand groß und steif wurde. Wenn man nun endgültig auf den Penis verzichten muß – so sagt die Patientin – [] erscheint diese Befriedigung der einzige Ausweg. Man besitzt zwar keinen Penis, der erigierbar wäre, aber die Macht, den Penis eines Mannes in Erektion zu versetzen.“ Ludwig Eidelberg

Das Depersonalisationserleben der Patientin ist deutlich abgeschwächt. Die Momente die solches Erleben noch hervorrufen, lassen sich in Folge klarer identifizieren und deuten. Besonders deutlich wird dabei weiterhin ihr Exhibitionismus. So hat sie das Ritual morgens nackt durch Zimmer zu gehen und ihre Kakteen zu betrachten. Dabei ist sie sichtbar für die Nachbarn, ein Ehepaar. Besonderes Interesse hat sie für den Ehemann, aber dieser Zusammenhang und die dahinterliegende Exhibition werden durch Entfremdungsgefühle verschleiert. Dabei hat die Patientin im Unterschied zum Anfang der Analyse keine Angstzustände mehr während der Depersonalisation. Denn besonders die Menge an alternativen Befriedigungsmöglichkeiten hat sich vergrößert. Die Beziehungen zu Freunden, Familie, Kollegen, Arbeit und ihrem Partner haben sich gebessert.


„So erscheint das Bedürfnis nach dieser Art von Ersatzbefriedigung bedeutend schwächer und deshalb ungefährlicher.“ Ludwig Eidelberg

Die Patientin machte in der Kindheit die Erfahrung, im Kontext von Exhibitionen, dass diese unverfänglicher waren, wenn sie sich selbst dumm stellte. So spielte sie als Kind ein Spiel in dem sie den Hintern hob und ihr Gesicht versteckte, in der Hoffnung nicht gesehen zu werden. Die Eltern amüsierten sich darüber und selbst als das Kind entdeckte, dass ihr diese Methode nicht zum Unsichtbar sein gereichte, behielt sie es bei. Sie genoss das Vergnügen der Eltern und ihre eigene Exhibition analer Natur.


„Die Erfahrung, daß die ´Dummheit´ besonders dann, wenn sie von anderen als echt angenommen wird, zur Befriedigung gewisser verbotener Wünsche nützlich sein kann, war zweifellos für die im späteren Leben der Patientin auftretende Dummheit beispielgebend.“ Ludwig Eidelberg

Es zeigte sich besonders deutlich, dass die Es-Regung der Patientin nicht durch das ÜberIch, sondern auch durch das Ich verdrängt wurde. Ihre Exhibitionswünsche mussten verschleiert werden, als nicht Ich zugehörig erlebt werden. Die Patientin tat über die Entfremdung so, als wären es gar nicht ihre Wünsche. Um einerseits die Exhibition zu genießen, und gleichzeitig zu überwachen, hatte die Patientin eine ausgeprägte Selbstbeobachtung entwickelt, anders gesagt, sie war ihr eigener Voyeur. Diese Selbstbeobachtung wurde im Sinne der Depersonalisation zwanghaft, denn wann immer ihre Exhibitionswünsche hervortraten, mussten diese gleichzeitig genossen und abwehrend beobachtet werden. Die Patientin hatte also versucht in ihrer Depersonalisation der Strafe durch das ÜberIch zu entgehen, indem das Ich die Verdrängung im Sinne einer Entfremdung für das ÜberIch vorwegnahm. Gleichzeitig war ihr Kompromiss der Versuch den unmöglichen Genuss zu vollbringen, gleichzeitig Exhibitionistisch und Voyeuristisch zu genießen.


„Entscheidend aber für das Auftreten von Depersonalisationszuständen vorwiegend während der Stunde scheint die analytische Situation zu sein, die ja für die Exhibitionswünsche der Patientin besonders geeignet war. Hier konnte sie mit der Begründung, daß es sich dabei um ihre Heilung handle, die sonst vom Ich verpönten Exhibitionswünsche befriedigen.“ Ludwig Eidelberg

Leider wird der Fallbericht durch Eidelberg an dieser Stelle einzig mit theoretischen Ausführungen beendet, so dass nicht schlussendlich sichtbar wird, ob die Patientin am Ende umfassend geheilt wurde. Es wird aber deutlich, dass durch das Bewusstwerden der Exhibitionswünsche, der onanistischen Begehren und besonders der ödipalen Ängste im Sinne des Penisneids ein Gro des Leidensdrucks der Patientin genommen wurde. Sie war zu großen Teilen Lust, Akt und Befriedigungsfähig, konnte Beziehungen wieder anknüpfen und ihre Sexualität zu einem gewissen Maße genießen. Ihre Depersonalisationserscheinungen hatten sich zum Ende der Analyse mehr und mehr einzig auf die Analysestunde beschränkt, und auch dort in ihrem Ausmaß deutlich abgenommen.


Autor: Benjamin Seegert

7 Ansichten

©2019 thanatos. Erstellt mit Wix.com