• Benjamin Seegert

Donald Winnicott - Die Fähigkeit zum Alleinsein (1955)


Die Fähigkeit zum Alleinsein ist für Winnicott ein integraler Bestandteil, bzw. Zeugnis emotionaler Reife, also des Erwachsen seins. Alleinsein als Begrifflichkeit meint damit nicht unbedingt das, was man unter dem wirklichen Alleinsein versteht. Es ist vielmehr die Fähigkeit gemeint, sich selbst in seinem Begehren erleben zu können, und darüber hinaus in Anwesenheit eines Anderen allein sein zu können. Beide Punkte sind Produkte wie auch Voraussetzung für die Fähigkeit zu Alleinsein.


„Die Fähigkeit, allein zu sein, hängt davon ab, ob ein gutes Objekt in der psychischen Realität des Individuums vorhanden ist.“ Donald Winnicott

Mit einem guten Objekt ist gemeint, dass der Säugling bzw. das Kleinkind eine sich um ihn kümmernde Mutter, für ihn da seiende Mutter erfährt. Die Mutter ist für das Kind, bzw. den Säugling zu Anfang ja mehr als nur Mutter, sie ist die Welt, die repräsentiert die Umwelt. Wenn die Mutter gut ist, dann ist es auch die Umwelt. Diese gute Mutter wird dann psychisch innerlich fortgesetzt, die gute Mutter wird introjiziert.


„Reife und die Fähigkeit, allein zu sein, setzen voraus, daß das Individuum die Möglichkeit gehabt hat, durch „ausreichend gute Bemutterung“ (good enough mother) einen Glauben an eine wohlwollende Umwelt aufzubauen. Dieser Glaube wird durch eine Wiederholung lustvoller Triebbefriedigung aufgebaut.“ Donald Winnicott

Mit Fürsorge ist jedoch nicht gemeint, dass die Mutter in übersteigerter Fürsorge sich dem Kind widmet. Es ist vielmehr so, dass die Mutter dem Kind signalisiert, dass sie da ist, dass das Kind nicht alleine und die Mutter empfänglich für die Sorgen und Begehren des Kindes ist, jedoch sich diesem nicht mit ihren eigenen Begehren aufdrängt. Die Mutter muss nur gut genug sein, um dem Kind Sicherheit und Wärme zu vermitteln. Aber durch diese Nicht-Aufdringlichkeit, so möchte ich es mir erlauben zu nennen, gibt die Mutter dem Kind die Möglichkeit, sich selbst zu erleben, sich, sich selbst zu widmen, das in Anwesenheit eines Anderen, oder anders gesagt trotz der Anwesenheit eines Anderen. Durch diese Freiheit die die Mutter dem Kinde gewährt, hat das Kind die Möglichkeit, das, wie Winnicott es nennt, „Wahre Selbst“ zu entwickeln, welches sich selbst und die eigenen Begehren erleben kann und als real und Ok wahrnimmt. Das „Falsche Selbst“ ist ein Selbst welches eigentlich maßgeblich reaktiv ist, die ganze Zeit die Umwelt abtastet und sich in vorauseilendem Gehorsam, bzw. aus Angst vor Liebesverlust, dieser unterwirft, indem es seine Bedürfnisse verdrängt, und die Befriedigung der Bedürfnisse des Anderen, der Mutter zu seinen Lebensinhalten macht. Das Kind traut sich damit nicht bei sich selbst zu sein. Aber das Alleinsein in Anwesenheit eines anderen ist die Voraussetzung für den Säugling, sein eigenes personales Leben zu entdecken und sein Begehren aushalten zu können.


„Die pathologische Alternative ist ein falsches, auf Reaktionen, auf äußere Reize aufgebautes Leben.“ Donald Winnicott

Im Alleinsein in Anwesenheit der Mutter können die Es-Impulse hochkommen, dass Kind kann sich diesen widmen, sich selbst, seinem Begehren widmen ohne die ganze Zeit reagierend sein zu müssen, auf die Umwelt achten zu müssen.


„Der Schauplatz ist für ein Es-Erlebnis vorbereitet. Mit der Zeit kommt eine Empfindung oder ein Impuls. In diesem Rahmen wird die Empfindung oder der Impuls sich real anfühlen, und wirklich ein personales Erlebnis sein.“ Donald Winnicott

Innerhalb der Analyse kann sich das dann in Phänomen zeigen, wie dem Schweigen. Einerseits kann es natürlich als Abwehr betrachtet werden, der Patient sagt nichts mehr. Andererseits verweist Winnicott auch auf den Punkt der Fähigkeit zum Alleinsein in Anwesenheit des Anderen, und dieses Alleinsein zu genießen. Deshalb sagt er zum Schweigen:


„Vielleicht hat der Patient hier zum ersten Mal allein sein können.“  Donald Winnicott

Praktisch ohne dass er das Gefühl hat er müsse jetzt ein guter Patient sein und Erinnerungen und Inhalte produzieren, sondern einfach sich und den Anderen genießen darf und sich das zugesteht, ist er alleine mit dem Analytiker und schweigt, empfindet nicht die Pflicht einem projiziierten Wunsch des Analytiker, Material, also psychische Inhalte und Erinnerungen zu produzieren, nachzukommen. Die Erinnerungen produzieren etc. ist letztlich einzig Mittel zum Zweck. Worum es in der Analyse geht, ist letztlich genussfähig zu werden, dass Leben wieder genießen zu können, sein eigenes Begehren erleben und genießen zu können. Das geht aber nur, wenn man sein Falsches Selbst ablegen kann, sich und seine Begehren zu spüren, sie sich zuzugestehen und soweit es möglich ist, zu befriedigen. Doch diese Angst vor sich selbst kann sich in allen möglichen Abwehren ausdrücken, wobei besonders die zwanghaften Abwehren prototypisch dafür sind. Denn beispielsweise das Pläne machen, dass sich einzwängen, sich den Tag auszufüllen kann genau das erfüllen. Man befriedigt einerseits dabei Begehren die aus Ansprüchen entstanden sind, nicht aus einem lebendigen Interesse, einem Impuls heraus. Man reagiert praktisch immer auf eine introjizierte Umwelt die ständig mit Forderungen an einen herantritt. Der Plan schützt einen auch davor, dass man auf einmal nichts zu tun hat und auf sein Alleinsein zurückgeworfen ist. Andererseits ist das Alleinsein dann der Moment, in dem ein eigentlicher Es-Impuls hochdrängen könnte, vor dem man sich jedoch fürchtet, man Sorge hat diesen nicht ertragen, aushalten zu können, oder haben zu dürfen. Man hat dann Angst vor sich selbst, daher empfindet man dann Langeweile, statt Entspannung. Wenn man in Gesellschaft eines Anderen die ganze Zeit das Gefühl hat, dass man irgendwie nicht entspannen kann, das Gefühl hat, nicht wirklich man selbst sein zu können, sich gehen lassen zu können, ohne die ganze Zeit darauf zu achten wie der andere reagiert oder sich konsequent fragt was er denkt, dann könnte das meiner Ansicht nach ein Hinweis auf genau das Sein, was Winnicott damit meint, dass man eben nicht fähig ist Allein sein zu können.


Autor: Benjamin Seegert


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