• Benjamin Seegert

Ernst Simmel – Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf (1926)


Die Berufswahl ist aus psychoanalytischer Sicht ein ebenso erklärungsbedürftiger Aspekt, wie die Liebeswahl oder sexuelle Vorlieben. Nichts im menschlichen Tun ist außerhalb von Bedeutung, Symbolisierungen zu denken. Es gibt natürlich immer ein Hauf an Einflussfaktoren, für jede dieser genannten Felder, ökonomische Beweggründe nur als offensichtlichste zu nennen, doch schwingt bei dem einen mehr, dem anderen weniger, eine unbewusste Bedeutung mit, ein versteckter Sinn, der sich in der jeweiligen Berufswahl verwirklicht. Gerade der Beruf des Arztes verrät sich dabei besonders deutlich, in den von wohl keinem Kinde nicht vollzogenen Doktorspiele, und noch von so manchen Erwachsenen geschätztes Rollenspiel, bzw. Sexualphantasie.

„Das Doktorspiel der Kinder, das uns aus direkter Beobachtung oder eigener Erinnerung gut bekannt ist, gehört oft zu den wenigen Erinnerungsresten, die die kindliche Amnesie überdauern. [] Die verpönten, frühinfantilen Koitus- und Schwängerungsphantasien erscheinen dabei in den spielerischen Veranstaltungen zwischen Arzt und Patient wieder verwandelt, in dem sittlich einwandfreien Wunsch des Heilen-, bzw. Gesundwerdenwollens. Das Instrumentarium des kleines Arztes, das Penisäquivalente in Form von fingierten Hörrohren, Thermometern, Klistierspritzen und Operationsmessern enthält, verrät dabei deutlich die sadistische Auffassung des Aktes.
Ernst Simmel

Dass das Doktorspielen so bedeutungsschwanger ist, liegt für Simmel daran, dass es kaum außerhalb ödipaler Zusammenhänge gedacht werden kann. Fast wie innig verknüpft mit dem Doktorspiel sei nämlich auch das Mama-Papa Spiel. Motiviert sei jedoch der ganze Spaß durch die Urszene, also durch die reale oder phantasierte Erkenntnis, bzw. Beiwohnens des Sexualaktes der Eltern. Dieser kann kaum anders als sadistischer Übergriff verstanden werden.

„Die Spielleistung erreicht hier, wie die Traumleistung und die neurotische Symptombildung, eine Erfüllung bewußtseinsunfähiger Wünsche durch die symbolische Entstellung, - nur daß es beim Traum und der Neurose aus der Verdrängung wiederkehrende Inzestwünsche sind, während das Doktorspiel, vorfallend noch zu einer Zeit, da das Ödipuserlebnis ein aktueller Konflikt ist, im Dienste des Versuches zu seiner Bewältigung selber steht.“ Ernst Simmel

Dieser Einwand ist im Sinne des Wiederholungszwanges gedacht, als eine Art Positionswechsel von passiv erlitten, zu aktiv ausgeführt, als eine Möglichkeit dem „Trauma“ Herr zu werden. Diese Weise kann sich auch ganz konkret auf eine ärztliche Behandlung beziehen, und wird nicht selten im Kindergarten, bzw. bei Kindern beobachtet, die z.B. nach einem schmerzhaften Eingriff durch den Zahnarzt, in Folge selbst Zahnarzt spielen.

„Das Doktorspiel gibt jedem mitspielenden Kinde die Möglichkeit, die Urszene insgesamt aktiv zu inszenieren und zu genießen, an der es gerade wegen der ihm dabei zufallenden Rolle des nichtaktiven, unbeteiligten Dritten litt.“ Ernst Simmel

In gewisser Hinsicht identifiziert sich also das Kind mit den Erwachsenen, mal mehr, mal weniger entstellt, bzw. symbolisiert. Diese Idenitifikationsleistung, bzw. die Introjektion des Anderen ermöglichen neben der Wendung des Erlebens des Trauma von Passiv erlitten, zu aktiv ausgeführt, auch eine stückweise größer werdende Unabhängigkeit von den jeweiligen Personen. Wenn sie als innere Objekte aufgerichtet werden, müssen sie als äußere nicht mehr dauerhaft vorhanden sein. In dieser Hinsicht ist dann auch die Konstitution des ÜberIchs zu verstehen, als Aufrichtung des Anderen, der Anderen, in Form auch ihrer Gebote, in einem Selbst. Der Vater muss nicht mehr real vorhanden sein und Nein sagen, man hat ihn und seine Ansprüche verinnerlicht.

„Daraus ergibt sich nicht nur seine Verständigungsmöglichkeit mit ihnen, sondern auch in zunehmenden Maße seine Unabhängigkeit von ihnen, wodurch es erst als Subjekt verselbstständigt in die Objektwelt des Ödipuskonfliktes hineingestellt wird.“ Ernst Simmel

Der Arzt, bzw. Doktor stellt sich für das Kind aus vielerlei Gründen als ideales Objekt, bzw. idealer Beruf, bzw. Betätigung dar. Gerade Arzt zu sein, oder zu spielen, ermöglicht dem Kinde die Es-Interessen nicht ablegen zu müssen, im Gegenteil sich diesen, dank moralischer Erhöhung ungehemmt, ohne Scham und Schuld, fast schon gezwungener Maßen widmen zu müssen oder dürfen. Die Beschäftigung mit dem Schmutzigen, mit dem Stuhl, den Ausscheidungs- und Sexualorganen, dem anderen Geschlecht, wird im Arzt sein ermöglicht, bzw. erotisiert, ohne die Lust daran als primum movens erblicken zu lassen.

„Er erkennt keine Kleidung an, keine Scham. Er darf alles sehen, alles hören, mit Urin und Kot sich straflos beschäftigen. Er weiß alle Geheimnisse der Geschlechtsunterschiede wie des Kinderkriegens und verfügt allmächtig – wie der Vater über die Mutter – über den Körper des Kranken. Je nach dem besonderen Anspruch seiner eigenen erogenen Zonen und Partialtriebe wird das Kind dann ein anderes Moment des Arztseins beim Spiel bevorzugen oder aber seiner aggressiven, sadistischen Lust – der „Lust des Messers“ – speziell als Operateur frönen, um durch ein Agieren der Kastrationslust die eigene Kastrationslust zu ersparen.“ Ernst Simmel

In gewisser Hinsicht ist das Arzt sein dahingehend als eine Art Schutz zu verstehen. Das Subjekt versucht sich vor der Krankheit zu schützen, indem es zum Arzt wird. Deutlich macht Simmel diesen Aspekt auch an der Analyse selbst. Darin ist es nicht selten zu beobachten, wie Patienten anfangen, selbst zu kleinen Analytikern zu werden. Sie fangen an ihre Umgebung und Mitmenschen zu analysieren, oder ihnen Heilungsvorschriften und Ratschläge zu geben. Aber auch beginnen sie, den Analytiker selbst zu analysieren. Nicht einzig aus diesen Gründen, kann man aber auch deuten, dass eine Analyse immer in zwei Richtungen geht, und in beide Richtungen zu oft recht genauen Einsichten führt. Der Analytiker analysiert den Patienten und auch der Patient analysiert insgeheim den Analytiker. Er bekommt dessen Eigenheiten heraus, erkennt Schemata in seinen Reaktionen, kann Humor und Haltungen einschätzen. Das weiße Blatt, welches der Analytiker idealtypisch sein soll, kann in realer Erfahrung niemals umgesetzt werden. Und jeder der sich mal in einer Psychoanalyse befand, wird diese Aspekte wohl bestätigen können.

„Der Patient will „Doktor“ spielen, um nicht Kranker sein zu brauchen. Er will andere durch die Psychoanalyse retten, um sich selbst vor dem Analysiertwerden zu retten. Es wird verständlich, daß die Gewissensangst dabei als letzter Reizschutz manchen Analysanden treibt, selbst („wilder“) Analytiker zu werden, ihn zu agieren, zu „spielen“, um von der eigenen Psychoanalyse nichts verstehen zu brauchen.“ Ernst Simmel 

Der Arzt, der selbst nicht gesund ist, nötigt uns, so Simmel diesbezüglich nicht ohne Grund, Mißtrauen auf. Denn wer den anderen braucht, um diesen zu heilen, schützt sich selbst vor dem eigenen Masochismus, in dem er ihn in Sadismus umwandelt, welchen er am Patienten auslebt. So könnte man meiner Ansicht nach das Helfersyndrom als eine solche Wandlung verstehen, in der auf sehr subtile Weise der Patient vom Helfer abhängig gemacht wird, und erst garnicht gesunden darf, da sonst der Arzt krank würde. Unter dem Vorwand der Heilung macht oder hält der Helfer den Hilfesuchenden oder Hilfeaufgezwungenen krank. Solange man als Arzt im Patienten die eigene Krankheit, das eigene Verdrängte bekämpft, besteht immer auch die Gefahr, dass man am Patienten selbst erkrankt.

„Der Arzt, der aus „Mitleid“, d.h. zur Vermeidung eigenen Schuldgefühls, seine Aufgabe nur darin sieht, den Schmerz durch Narkotika zu beseitigen oder zu lindern, läuft Gefahr, den „Wächter des Lebens“ zu erschlagen und damit selbst zum Vollstrecker des Todestriebes zu werden.“ Ernst Simmel

Die meiner Ansicht nach massive und kaum mehr hinterfragte Verabreichung von Medikamenten, in Krankenhäusern und durch Psychiater, kann wohl in dieser Hinsicht als sinnbildlich betrachtet werden und sollte wohl eigentlich einer kritischeren Betrachtung zugeführt werden, als sie derzeit sich gebiert.


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