• Benjamin Seegert

F.Sch. - Geld und Neurose (1931)



„Wenn der gleiche Patient eine besondere Vorliebe für rundliche Geldbeutel an den Tag legte, die möglichst mit großen Silberstücken (Fünffrankenstücken) prall gefüllt sein mußten und mit denen er in seinen Hosentaschen spielte, so kann dieser Zug den zu Tage getretenen Symbolcharakter des Geldes als Potenzersatz nur unterstützen.F. Sch.

Innerhalb der Psychoanalyse spielte Geld schon immer, nicht nur als Entlohnung, sondern besonders als Symbolik eine gewichtige Rolle, welche heutzutage jedoch zu verblassen scheint. Es ist deutlich, dass Geld selbst keinen Wert besitzt, es einzig abstrakten Wert annehmen kann. Da der Mensch, als neurotisches Wesen schlechthin, nicht darum hinkommt, Bedeutungen zuzuschreiben, ist Geld eine ideale Projektionsfläche, oder ein Ausdrucksmittel oder Konfliktherd verschiedenster Begehren, Ängste und Abwehren. Geld kann praktisch Bedeutungen annehmen, welche mit der jeweiligen psychosexuellen Entwicklungsstufe zusammenhängen, aber auch der Passivität oder Aktivität des Auslebens dieser Begehren. So benennt der Autor des Textes den ich hier vorstelle, beispielsweise Geld in der


orale Symbolik: Milch, Nahrung, Mutterbrust/anale Symbolik: Darminhalt, Kot/genitale Symbolik: männliches Glied, Sperma, väterliche Potenz, männliche Potenz im Allgemeinen, Kind (besonders für die Frau) 

In dieser Hinsicht erklärt der Autor auch, der einzig mit F.Sch. angegeben ist, und sich in seinen Ausführungen auf Charles Odiers Abhandlungen zum Geld bezieht, dass der Sinn für Geld in einer Lebensphase sich entwickelt, in der der eigentliche ökonomische Wert noch nicht verstanden wird.


„Sind die Mechanismen, die die Einstellung zum Gelde beeinflussen, der Sphäre des Ichs weitgehend entrückt und im Unbewussten vorgebildet, so braucht es nicht zu verwundern, wie verhätlnismäßig gleichgültig die tatsächliche soziale Lage für die Geldbeziehung eines Individuums ist. Nicht Reichtum oder Armut, sondern das hartnäckige Fortbestehen unbewußter infantiler Tendenzen entscheidet über die Einstellung zum Gelde.F. Sch.

Dahingehend kann man argumentieren, dass wie wir Geld benutzen, unabhängig von der Menge des Besitzes und sozialer Lage ist, sondern abhängig von den unbewussten Konflikten und Begehren ist, welche wir in das Erwachsenenalter hineintragen. Diese Konflikte beschreibt der Autor besonders in Hinblick auf die Entwicklung des Ichs.


„Der Säugling, der noch kein soziales Ich besitzt, vermag seine auf das Nehmen gerichteten Tendenzen voll ausleben. Auch in der weiteren Entwicklung des Kindes bleibt die gleiche Triebrichtung wirksam, deren wesentliche Ziele in Befriedigung und Liebesgewährung bestehen. Nur die auf Nehmen und Behalten gerichteten Tendenzen sind in dieser frühen Entwicklung nachweisbar. Das Es, das unter der Herrschaft des Lustprinzips steht, weiß nichts von Geben und Schenken.F.Sch. 

Erst die Notwendigkeit, die Erfordernisse der Außenwelt, nötigen dem primitiven Subjekt Stück für Stück die Pflicht und irgendwann vielleicht Lust zum Geben auf. Das Realitätsprinzip setzt sich mehr und mehr durch, verdrängt das Lustprinzip, und schafft dahingehend die Konflikte, die im Unbewussten fortbestehen.


„An die beiden Frühphasen der Libidoentwicklung knüpft sich diese entscheidende Verzichtleistung an. Durch die Entwöhnung wird der Säugling dazu gezwungen, auf die lust- und nahrungsspendende Mutterbrust zu verzichten, durch den Reinlichkeitszwang das Kleinkind, den ihm kostbar erscheinenden Besitz des Darminhalts herzugeben.F.Sch.

Zu geben, zu schenken und zu opfern sind dieser Ansicht nach einzig sekundärer Natur, eine Art Überlagerung der primitiven nehmenden Natur des Kindes. Das erste System wird vom Autor als C.P. System bezeichnet, als Capatio-Possesio. Dieses System ist primär und drängt sich unbewusst dem Subjekt in jeder Handlung auf. Im Gegensatz dazu, nicht im Es, sondern im Ich verankert, sei das System O (Oblatio). Der Konflikt zwischen diesen beiden Systemen ist damit etwas ubiquitäres, welches nicht nur den pathologischen Neurotiker betrifft, sondern auch den Gesunden, man könnte sagen, den gesunden Neurotiker.


„Wenn man den seelisch Gesunden als einen Menschen bezeichnen kann, der nicht hinter den Ödipuskomplex regrediert, so kann er doch das habgierige Kind in sich nie ganz töten.F.Sch.

Die Zeit, in welcher diese Betrachtungen angesiedelt sind, ist eine des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, in der es noch keine Kassenbezahlung von Psychotherapien gab, alle Patienten also als Selbstzahler in Analyse gingen. Dahingehend war das Geld aus ersichtlichen ökonomischen Gründen, aber damit einhergehend psychischen Gründen aufgeladen. Der Umgang des Patienten mit Geld und sein Empfinden gegenüber der Bezahlung der Analyse und sein Gebären diesbezüglich, sind somit Einblicke in die Kindheit und Konflikthaftigkeit des Patienten, bzw. eine Auskunft über seine Persönlichkeit, seine Begehren, wie auch ein Traum und alle andere Produktionen von Bedeutungen, es sind.


„Die erste Phase dagegen, in welcher das Geld für die Erziehung noch keinerlei Rolle spielt, ist im Gegenteil die entscheidende für die spätere endgültige Einstellung in finanziellen Dingen. Gelingt es dem ÜberIch, das System C.P. glücklich zu überwinden, so ist damit die zukünftige Haltung entschieden. Im Alter von 6 Jahren, kann man sagen, ist diese Entscheidung schon gefallen. Der zukünftige Charakter der Persönlichkeit ist in diesem Alter mit unsichtbarer Schrift bereits in die zarte Seele des kleines Wesens eingegraben; und die harten Notwendigkeiten der Außenwelt, des Zusammenlebens mit anderen Menschen sorgen dafür, daß die Schrift allmählich lesbar wird.F.Sch.

Autor: Benjamin Seegert

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