• Benjamin Seegert

Faszination Vogelbeobachtung - Vögeln, Precht und der Voyeurismus


Der Mensch ist ein Wesen, dessen Einzigartigkeit gerade darin deutlich wird, dass er Bedeutung zuschreibt. Das Auto ist nicht nur Auto, Kleidung nicht nur Kleidung, und Farbe nicht nur Farbe. Sitzt z.B. der Vogel am Wasserfall, sieht er einzig den Fisch im Wasser, seine nächste Mahlzeit, während hunderte staunende Menschen, des Wasserfalls Größe, Kraft, Schönheit etc. bewundern. Doch ist diese Bewunderung keine objektive, jeder bewundert etwas anderes, mit jedem macht dieser Wasserfall etwas anderes. Was als bewundernswert uns darin sich offenbart ist dabei aber oft so wenig verfügbar, wie die Gründe warum wir uns beispielsweise in jemanden verlieben. Diese Bedeutung, die sich in unserer Faszination offenbart, oder auch in unserer Abneigung, unserem Ekel etc. ist dementsprechend keine festgeschriebene, es ist eine subjektive, ein Produkt unserer Erfahrung, unseres Lebens, unseres Unbewussten. Doch behalten wir die Szene mit dem Wasserfall im Auge, die hunderten staunenden Menschen, fällt uns auf, dass eine Person nicht ganz ins Bild passt. Während alle ihre Blicke zum Wasserfall hin ausrichten, blickt diese Person, wie gebannt, mit dem Fernglas nach dem Wasser, genauer, nach dem Vogel. Ein Vogelbeobachter, inmitten der Menge. Dieses Bild ist wohl nicht ganz richtig, weil man sie wohl eher versteckt, wohl eher vereinzelt in der Natur oder in ihrer Gesellschaft wiederfindet.

Doch genauso wenig, wie der Tourist den Wasserfall bewundert, sondern die Bedeutungen, die er diesem zuschreibt, genauso wenig beobachtet der Vogelbeobachter wahrscheinlich einzig nur die Vögel.


„Wenn man der wissbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die alten den Phallus geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen >Vögeln< lautet, das Glied des Mannes bei den Italienern direkt l´ucello (Vogel) heißt, so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein. Es ist ein frühinfantiler Wunsch.“ Sigmund Freud

Man lasse sich bitte nicht davon verwirren, dass Freud in diesem Zitat den Traum des Fliegens betrachtet, sind doch die Symboliken und sprachlich-assoziativen Verwandtschaften frappierend. So kommt man nicht umhin, in sprachlich-assoziativer und symbolischer Verwandtschaft, das sogenannte Vögeln, den sexuellen Akt, als das wohlmöglich leitende Motiv in der Beobachtung der Vögel zu identifizieren. Auch stößt sich diese Deutung noch weniger mit der Freuds, im Bezug zum Traume des Fliegens, da man wohl ebenso guten Gewissens jemanden, der eine Leidenschaft für fliegende Objekte besitzt, eine Lust am Fliegen unterstellen könnte. Doch gerade in diesem Falle würde deutlich, wie sehr die Vogelbeobachtung eine gehemmte Version dieser Lust bedeutete, ähnlich dem Modelleisenbahnenthusiaten, der mehr Zeit mit seinen Modellen, als mit echten Eisenbahnen verbringt. Diese gehemmte Version ist nicht selten Konsequenz einer ambivalenten Aufladung, welche erklären mag, warum möglicherweise Precht am liebsten alles Flugzeugfliegen abschaffen möchte. Symbolisch gesprochen, darf man eben nicht in den Genuß der phallischen Betätigung und dem „schmutzigen“ Fliegen kommen. Dass allerlei Rationalisierungen bemüht werden, wie eine höchst fragwürdige Sorge um das Klima, um eine mögliche eigene unbewusste Hemmung, sich den Genuß des Fliegens zu erlauben, bzw. schmutzig, triebhaft zu sein, zu rechtfertigen, macht den Braten dann auch nicht mehr fett.

Das gesagt, liegt nahe, dass das, was der Vogelbeobachter beobachten dürfte, eigentlich nicht nur die Vögel sind. Vielmehr reinszeniert er eine Erinnerung im Sinne eines Traumas, von welchem er sich nicht emanzipieren konnte, oder wollte. Ähnlich erklärt sich nach Freud ja auch die Genese des Fetischs, welche Bezeichnung wohl auch für die Vogelbeobachtung passender wäre. Die Erinnerung, bzw. das Trauma, welches der Vogelbeobachter möglicherweise reinszenieren mag, ist die die sogenannte Urszene, oder zumindest das Erahnen dieser. Die Urszene ist nicht viel mehr, als das erste Mal, als das Kind die Eltern beim Zeugungsakt erblickt, oder zumindest sich dessen Möglichkeit gewahr wird. Ähnlich dem Greifvogel, der das Interesse von Precht genießt, greift/ergreift ja auch der Vater im Akte die Mutter, bzw. greift er die Mutter an. Gerade in älteren Schriften, die Schriften des Giacomo Casanova kann ich diesbezüglich nur wärmstens empfehlen, wird der Sexualakt oft als Kampf bezeichnet, in dem der Mann mit seiner Lust die Frau angreift.

Beim Beobachten der Vögel beobachtet man dementsprechend wohl eher die Idee des Vögelns, wofür die Vögel stehen. Der Storch, als der Vogel, der die Kinder bringt, ist damit nicht weniger als ein Verweis darauf, dass ein sexueller Akt stattgefunden haben muss, der aber nicht gesehen werden durfte, um den nicht gewusst werden darf. Und gerade an dieser Stelle lässt sich fragen, ob der Vogelbeobachter diesen Ausschluss aus der Urszene möglicherweise reinszeniert, in symbolischer Weise dieses Verbot jedoch in gewisser Hinsicht überwindet. Sieht er im Vogel den Akt, oder den Verweis auf den Akt? Egal wie, spielt eine gewisse Heimlichkeit in der Beobachtung eine Rolle, um die Vögel nicht zu verschrecken, oder um konkret gesehen, nicht von den Eltern beim verbotenen Beobachten erwischt zu werden. Denn in beiden Fällen wäre der Akt beendet, oder aber der Verweis auf den Akt, indem die Vögel davonflögen, oder die Vögelnden von ihrem Akte abließen. Im Prinzip kann man dem Vogelbeobachter dahingehend auch guten Gewissens jedes Merkmal eines Spanners unterstellen, der ebenso mit Fernglas auf der Lauer sitzt, ebenso nicht gesehen werden möchte, und ebenso, wenn auch symbolisiert, die Lust an der Beobachtung der Sexualität reizt. Und selbstbewusst unterstelle ich nicht wenigen Vogelbeobachtern, dass sie in guter Gemeinschaft, die eine oder andere Geschichte zum Besten geben können, wo ihnen dann doch mal ein echter menschlicher Akt vor die Linse kam. Und ob ein solches Erlebnis nicht das eigentlich heimliche Motiv hinter der Vogelbeobachtung ist, rückt, wie diese kleine Analyse vielleicht zeigen mag, mehr und mehr in den Raum der Möglichkeiten.


Vogelfänger – Mozart

Der Vogelfänger bin ich ja,

Stets lustig, heissa, hopsassa!

Ich Vogelfänger bin bekannt

Bei Alt und Jung im ganzen Land.

Ein Netz für Mädchin möchte ich,

Ich fing sie dutzendweis für mich!

Dann sperrte ich sie bei mir ein,

Und alle Mädchen wären mein.

Wenn alle Mädchen wären mein,

So tauschte ich brav Zucker ein:

Die, welche mir am liebsten wär,

Der gäb ich gleich den Zucker her.

Und küsste sie mich zärtlich dann,

Wär sie mein Weib und ich ihr Mann.

Sie schlief an meiner Seite ein,

Ich wiegte wie ein Kind sie ein.


Autor: Benjamin Seegert

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