• Benjamin Seegert

Helene Deutsch - Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität (1930)


Helene Deutsch geht davon aus, dass die Masochistische Position diejenige ist, die die Weiblichkeit bedingt, und der Kampf dagegen zu eben jenen Phänomenen führt, wie Penisneid, Männlichkeitskomplex und Frigidität. Nach Deutsch spielt die Klitoris, als Ersatz für den Penis eine besondere Rolle. Die Klitoris ist praktisch eine Art Ersatz für den Penis beim Mädchen und die Masturbation an dieser ist ähnlich der phallischen. Die Vagina existiert im libidinösen Sinne für das Mädchen noch nicht, so dass sie zu Anfang ihrer Kindheit, wie der Junge phallisch masturbiert, und von der Phantasie beherrscht wird, irgendwann auch einen Penis zu besitzen.


„Nie würde der Penisneid seine große Bedeutung bekommen, wenn nicht Organgefühle mit elementarer Kraft das Interesse des Kindes auf diese Regionen des Körpers hinlenken würden. Das erst ruft die narzißtische Neidreaktion des Mädchens hervor. [] Solange es in der Onanie ein Lustäquivalent findet, verleugnet es den Nicht-Besitz und tröstet sich mit Zukunftshoffnungen.“  Helene Deutsch

Die Anerkennung der Abwesenheit eines Penis ist kein einfaches Moment, es ist ein stetiger Kampf, in dem die Komplexe Penisneid und Männlichkeitskomplex hineinspielen. Zwar kann teilweise anerkannt werden, dass die Frau keinen Penis besitzt, aber oft, so Deutsch, aufgrund der Erinnerungsspuren eben jener phallischen Betätigung, ist die Phantasie existent, „ich habe einen Penis besessen.“


„An der Mauer der inneren Erkenntnis der Organlosigkeit prallt die bis dahin aktiv-sadistische Klitorislibido zurück, um einerseits regressiv die bereits verlassenen Stationen der prägenitalen Entwicklungen zu besetzen, vor allem aber um eine regressive Wendung ins Masochistische zu nehmen. [] Meiner Ansicht nach gehört diese masochistische Wendung zum „anatomischen Schicksal“, ist biologisch, dispositionell vorgezeichnet und bildet die erste Grundlage zur endgültigen Entwicklung der Weiblichkeit…“ Helene Deutsch

Die Aufgabe der Frau, nach Deutsch ist es, die masochistische Position zu erreichen, sich in dieser wohlfühlen zu können, da das auch der Funktionsweise ihrer Anatomie entspricht. Wehrte sie sich dagegen, würde das zu dem führen, was sie z.B. unter Frigidität fasst bzw. mit anderen Phänomenen einhergehen, wie Neurose oder fehlende Orgasmusfähigkeit. Anders gesagt, solange die Frau nicht genießen kann, dass jemand in sie eindringt, sie in dieser Hinsicht passiv und aufnehmend ist, zum Objekte wird, kann sie umfänglich der Sexualität und dem kulturellen Leben wenig Genuss abgewinnen. An dieser Stelle sei auch gleich darauf hingewiesen, dass Deutsch nicht sagt, dass Frauen nicht zur Kultur oder Sublimierung fähig wären, im Gegenteil, nur sind diese Sublimierungen bei der Frau, im Gegensatz zum Manne, nicht aus aktiv-sadistische Tendenzen gespeist, sondern passiv, versorgenden, sprich masochistischen gespeist. Im Bezug zur Frigidität reiße ich nur einige von ihr vorgestellte Formen an. Penisneid und Männlichkeitskomplex sind in dieser Hinsicht immer eine Verunmöglichung der Besetzung der Vagina, damit einhergehend einer passiv aufnehmenden Einstellung dieser gegenüber. Das vorhin beschriebene Organgedächtnis, welche die Klitoris weiterhin besetzt, ist dabei eines der Haupthindernisse, für die Überführung der Lusterregung in die Vagina. Den weiblichen Narzißmus als Form der Frigidität beschreibt Deutsch wie folgt.


„So z.B. sehen wir als Folge der Verdrängung der masochistischen Tendenzen eine stark narzißtische Besetzung des weiblichen  Ichs. Dieses fühlt sich durch die masochistischen Tendenzen des Es bedroht und begibt sich in eine narzißtische Abwehrposition. Dies ist meiner Ansicht nach neben dem Penisneid eine wichtige Quelle des sogenannten weiblichen Narzißmus.“ Helene Deutsch

Man könnte sich in meinen Worten darunter jene Frau vorstellen, die es genießt bewundert oder begehrt zu werden, doch nie wahrhaftig berührt werden will, es nie zur Hingabe kommen lassen will. Die Bewunderung ist Tauschobjekt für die Befriedigung der Hingabe und schützt somit vor dieser. An dieser Stelle besteht eine Nähe zur Hysterie, in der der ganze Körper sexuell aufgeladen werden kann, mehr als die eigentlich dazu bestimmte Vagina.


„Erweisen sich doch auch die Konversionssymptome als Stätten falscher Sexualbesetzungen.“ Helene Deutsch

Doch weg von der konkreten Sexualbetätigung, spielt diese masochistische Position auch in anderen Bereichen für die Frau eine Bedeutung. So ist das Verhältnis von Mutter und Kind, so wie auch Winnicott in späterer Folge darauf hingewiesen hat, sehr masochistisch geprägt. Deutsch erklärt, dass die Mutter sich dem Kinde hingibt, für die Wünsche des Säuglings da ist. Ohne diese Haltung, zumindest frühkindlich gesprochen, könnte meiner Ansicht nach das Kind eben nicht das entwickeln, was als Urvertrauen bezeichnet wird.


„Im tiefsten Erlebnis dieser Mutter-Kind-Relation ist es der intensivste Masochismus, der in der Glückseligkeit der Mutterschaft zur Befriedigung kommt.“ Helene Deutsch

Um diese Besprechung abzuschließen, möchte ich noch auf einen gesellschaftlichen Kommentar verweisen, welchen Deutsch selbst zum Abschluss ihres Textes vornimmt, und der sich als Vorhersage der Zukunft mehr als deutlich bewahrheitet haben soll. Denn das Abkehren von der masochistischen Position ist für Deutsch auch gesellschaftlich bedingt, und hat in dieser Hinsicht individuelle und gesellschaftliche Konsequenzen.


„Ich glaube, daß diese psychologische Umstellung gleichsinnig ist mit den sozialen Entwicklungen, und daß sie mit einer Vermännlichung der Frau einhergeht. Die Frauen der nächsten Generation werden wahrscheinlich den Akt der Defloration nicht mehr auf normalem Wege und als Lusterlebnis ertragen und nur unter der Bedingung der Schmerzfreiheit entbinden wollen…“ Helene Deutsch

Autor: Benjamin Seegert

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