• Benjamin Seegert

Karl Landauer - Die psychosexuelle Genese der Dummheit (1930)


Für Landauer ist Dummheit oder Intelligenz zu geringsten Teilen ein organisches Phänomen, sondern viel mehr psychogen, also durch die Entwicklung der Psyche im Kontext der Umwelterfahrungen bedingt. Diese Umwelterfahrung ist dabei primär die Erziehung. Besonders die sexualunterdrückenden Aspekte sieht er als größte Einflüsse der Entwicklung der Dummheit. Zum psychogenen Aspekt schreibt Landauer:


„Desweiteren sehen wir, daß einzelne Fähigkeiten, daß einzelne Begabungen im Laufe des Lebens wechseln können; so finden wir ihr Auftauchen und Verschwinden während psychoanalytischer Behandlungen. Ja, die Therapie ist namentlich bei Kindern mit Lernschwierigkeiten so aussichtsvoll, daß man sie einzig deshalb in Behandlung nehmen soll. Also ergibt die Erfahrung, daß zum mindesten ein Teil der Dummheit etwas behandelbares ist, und diese Behandlung ergibt ihrerseits, daß diese Fälle psychogene Reaktionen auf seelische Erlebnisse früher Kindheit darstellen. Es gelingt sogar manchmal, die affektiven Momente in ihnen, ja sogar die Triebwurzeln bloßzulegen und so manchen Einblick in das Triebwerk der Denkprozesse zu gewinnen.“ Karl Landauer

Ein wichtiger Aspekt, warum es sich lohnen kann dumm zu sein ist, dass es einen großen sekundären Krankheitsgewinn aufweist. Einerseits gilt es da die Trotteligkeit zu benennen, in der man immer wieder etwas „versehentlich“ tut, anders gesagt, unbewusst absichtlich produziert, was eigentlich bestraft gehörte, aber es passiert einem nichts weil man ja dumm ist, man wollte es ja nicht so. Es ist eine unbewusste Methode Aggressionen gegenüber der Außenwelt rauszulassen.


„Vor allem kann das schwache Kind auf diese Weise seine Hassgefühle loslassen. Denn – das hat das Kind reichlich Gelegenheit, zu erfahren – Unwissenheit, Dummheit ist eine wunderbare Waffe.“ Karl Landauer

Andererseits ist der sekundäre Krankheitsgewinn auch darin zu finden, dass man sich vor unangenehmer Arbeit schützen kann. Nicht umsonst gibt es den Spruch, „5Minuten dumm gestellt erspart eine Menge Arbeit.“ Das Kind ist ja prinzipiell dumm, denn es versteht die Welt noch nicht, wird deshalb mit den Ansprüchen dieser verschont. Deshalb kann die Dummheit auch als ein Festhalten an der Kindheit betrachtet werden. Das Credo lautet nach Landauer dann:


„Ich will Kind sein, dann werde ich verwöhnt und darf das tun, was mir gerade bequem ist. Wenn ich nicht erwachsener bin, brauche ich keine Unlust auf mich zu nehmen.“ Karl Landauer

Aber nun zum primären Aspekt der Dummheit, also den psychosexuellen. Dazu sagt Landauer, dass Dummheit ein unbewusster Flucht-Abwehrprozeß sei. In der Hinsicht zeigt sich Denkzwang oder Grübelzwang sowie Dummheit als die zwei Seiten einer Medaille. Beide Aspekte machen sich an der Kastrationsangst auf. Denken wie auch Dummsein ist eine Angst vor den Gefahren der Welt.

1.Der Denkende versucht in seiner Phantasie alles durchzuspielen, jede Gefahr vorwegzunehmen, und kommt im schlechtesten Falle nicht ins Handeln, er bleibt stecken. 2.Der Dumme dagegen verleugnet die Außenwelt zu einem gewissen Grade. Zumindest die Außenwelt die ihn kastrieren könnte. Er sieht die Gefahr nicht, will sie nicht sehen und hat daher auch weniger Angst. Landauer schreibt er Akzeptiere die Kastration, was ich kritisch sehe, da es mir viel mehr wie ein Verleugnen der Kastration scheint.


„Dummsein kann also heißen: kastriert sein. Der dumme Held akzeptiert demnach die Kastration. Selbst sie hat ja Vorteile, wie wir gesehen haben, denn man wird als liebes Kind nun von allen geliebt, um des Kastriertseins, des Kindseins, des Dummseins willen.“ Karl Landauer

Der Denkende ist sich dagegen stets ungewiss, bin ich nun kastriert oder nicht, bin ich Frau oder Mann, ist die Welt gut oder böse. Die Kastrationsangst als solches ist ein genuin psychosexuelles Phänomen. Für Freud ist ein Teil des Wissensdrang, das Wissen wollen um den Sexualverkehr, bzw. woher Kinder kommen. Man könnte meiner Ansicht nach vllt das Phänomen, dass ältere Geschwister tendenziell eher intelligenzbetonter leben auch damit beantworten, dass z.B. der Sohn mitbekommt, dass noch ein Kind kommt. Die Neugier ist geweckt, aus Ärger und Neid um das andere Kind, das Denken ist geboren, um zu verstehen, wie man in diese missliche Lage kam, dass man nun so viel Aufmerksamkeit und Liebe abgeben muss. Für den Jüngeren hat es nicht solche Bedeutung, denn Geschwister wie auch Eltern waren schon immer da, sie sind nicht neu dazugekommen, es hat keine Einbußen an Liebe, wie der große Bruder sie hatte. Nach Freud bedingt sich ein großer Teil der Dummheit dadurch:


„Dass die Kinder bemüht sind, um den Eltern zu gefallen, nicht mehr zu fragen, woher sie kommen, welchen Anteil an ihrem Werden der Vater hat, wie sich die Geschlechter unterscheiden und all die tausend Fragen, mit denen die Kindern den Eltern zur Last fallen. Und weil dies Kinder sehen, lernen sie schweigen.“ Sigmund Freud

Sie bemerken einen Unterschied zwischen dem was Eltern machen und sagen, besonders wenn es um Sexualität geht. Sie lügen praktisch das Kind an. Aber das Kind will nicht wahrhaben dass es angelogen wird


„Und so verschließt das Kind, um an die Eltern zu glauben, seinen Blick vor der Wirklichkeit. Es darf nicht mehr sehen, als zum Bilde der idealen Eltern passt. Dumm und unwissend sein ist auch unfähig sein, sich Kenntnisse über die Fehlbarkeit der Eltern zu erwerben.“ Karl Landauer

Landauer schreibt der Dummheit große Anteile an Oralerotik zu, weshalb er dieser Gruppe einen starken Hang zum Konsumieren, ob Essen, rauchen oder Alkohol zuschreibt. Die Analerotik des Dummen kommt besonders in der Grausamkeit, oft kleineren Kindern gegenüber, und Tieren, oder überkompensiert in großer Fürsorge zum Ausdruck.Die Genitalität des Dummen siedelt Landauer auf rein masturbatorischer Ebene an. Er kann nicht miteinander schlafen, er masturbiert nur am Anderen. Wie ich bereits oben beschrieb hat der Dumme weniger Angst, da er die Möglichkeit der Kastration durch die Außenwelt verleugnet. Er hat weniger Angst vor dem Nein von außen, was ihm paradoxerweise ja oft ein Ja der Umwelt bringt, weil er so unbedacht, unbekümmert an die Welt geht, sie als gut betrachtet und in Umkehrung gut behandelt wird. Da er aber auch seine eigene Aggression damit verleugnet, empfindet er kein Schuldgefühl. Gerade unter diesem Schuldgefühl leidet der wohlerzogene ja oft. Was sich dann besonders in der Angst vor, oder im Sexualverkehr äußert.


„Dem Dummen erscheint alles mehr als harmlose Selbstverständlichkeit ohne Schuldgefühl.“ Karl Landauer

Die Schwierigkeit der Behandlung des Dummen besteht wie gesagt darin, dass die Dummheit fast schon Fetischcharakter hat. Auch an den Fetisch kommt man ja so schwer ran, da dieser kaum Leiden produziert, sogar im Gegenteil, viel Befriedigung. So erklärt Landauer abschließend:


„Gegen die Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens.“ Karl Landauer

Autor: Benjamin Seegert

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