• Benjamin Seegert

Leo Kaplan – Der Tanz (1930)


Der Tanz, so der Psychoanalytiker Leo Kaplan, sei in seiner Grundstruktur der Arbeit sehr ähnlich. Beide, in gewissen Sphären, lassen sich nicht voneinander unterscheiden, wirken ineinander. Arbeit wie auch Tanz seien ihm nach Ausdruck eines primitiven Bewegungsimpulses. Beide Betätigungen stellen geordnete Bewegung der Gliedmaßen dar. Diese Nähe beider Phänomene zeigt sich dann besonders darin, dass die Arbeit nicht selten von Musik begleitet wird. Arbeiterlieder die den Rhythmus markieren, in dem gearbeitet wird, dürften den meisten dahingehend bekannt sein. Gerade dieser Rhythmus sei es dann, der die Arbeit zum Tanze mache, und dem eine künstlerische Dimension verleihe, bzw. die Arbeit erleichtere, den Arbeiter belebe, Kraft zuführe.


„Die Taktmäßigkeit des Tanzes ist ein Produkt, „des gesellschaftlichen Charakters jener Tänze, der den einzelnen zwingt, mit einer Anzahl anderer Mitwirkender die nötige Ordnung und Einheit in den Tanz zu bringen. (Richard Wallaschek) Nicht weniger gilt aber das Gesagte auch von der Arbeit, die den gesellschaftlichen Charakter an sich trägt. Die gegenseitige Anpassung der Arbeitenden in einer gemeinsamen Unternehmung ruft einen gleichgemessenen Rhythmus hervor.“ Leo Kaplan

Darin drückt sich die Idee aus, dass Arbeit oder Tanz in gewisser Hinsicht notwendige Übel sind. Wenn man so will, Ausdrucksformen einer Spannung, eines primitiven Bewegungsimpulses. Inwiefern diese Betrachtung auch auf abstrakte, moderne Arbeit anwendbar ist, erläutert Kaplan nicht. Im Vordergrunde dieser Parallelisierung zwischen Arbeit und Tanz steht besonders der Rhythmus. Dieser Rhythmus entpuppt sich als eine Art Grundstruktur allen Seins auf Erden, des äußeren wie auch des inneren Seins. Im äußeren bezieht sich Kaplan dabei besonders auf den Jahresrhythmus, welche in primitiven Gesellschaften besonders im Kontext der Ernte, bzw. des Lebens betrachtet wurde.


„Es weist uns  auch das wieder auf den Hang des Volkes, die Fruchtbarkeit der Natur durch menschliche Fruchtbarkeit zu symbolisieren, oder, noch besser gesagt, durch das Symbol der menschlichen Fruchtbarkeit zu beschwören. [] Der Winter hat lange gedauert, so muß man jetzt die Fruchtbarkeit der Natur beschwören, die Geburt des Sommers magisch bewirken. Und dazu gehört das Umtanzen des Feuers, das den regelmäßigen Gang der Sonne darstellt und sozusagen auch (magisch) verbürgt.“ Leo Kaplan

Im Tanzen um das Feuer sieht sich der Mensch das Feuer als die Sonne, sich selbst als die Erde. Und im Rhythmus des Umkreisens, wird der neue Frühling geboren. Der Tanz, als rhythmische Bewegung symbolisiert über diese Kreisbewegung hinaus auch eine Fruchtbarkeits- bzw. Lustnote. Die Bewegung, welche sich ähnlich des Koitus ebenfalls rhythmisch gestaltet, verleiht dem Tanzenden, oder Arbeitenden nicht selten ein Gefühl der Kraft.


„Die im Tanze gesteigerte Lebenskraft, das gesteigerte Lebens- und Lustgefühl wird sehr früh wohl schon die Vorstellung erzeugt haben, daß im Tanze eine Macht liegt, daß mächtige Wirkungen von ihm ausgehen, durch ihn erzeugt werden können, heilvoll für den Tanzenden und diejenigen, die zu ihm gehören, mit denen er es gut meint.“ Leo Kaplan

Der Rauschzustand, der autohypnotische Zustand, der nicht selten durch ein solches primitives Tanzen erreicht werden kann, diente in den primitiven Gesellschaften einer gewissen Auflösung des Ichs, einer Verschmelzung mit der Bewegung unter Ausschluss der kritischen Instanzen, sogar der Realität, welches sich dann in Halluzinationen äußern konnte. Eine nicht minderdeutliche Parallele möchte ich mit Kaplans Theoretisierungen der Techno-Kultur unterstellen, welche neben dem rhythmischen Erleben, dem Rauschzustand, dem narzisstischen Rückzug durch Drogen aller Art nachhilft.


„Im tonischen Stil des Tanzes ist die „Verrenkung und Krampf als Selbstzweck, Muskelkontraktion ohne gegenständliches Ziel, ein ab-solutes, d.h. ‚losgelöstes‘, und in-transitives, d.h. ‚beziehungsloses‘, Biegen und sich Verschränken der Körperteile. Es ist philosophisch gesprochen reiner ‚Solipsismus‘, das heißt ein Allein-Sein, ein beziehungsloses Bei-sich-selbst-Sein des Ich.“ Leo Kaplan

Doch das Kraftspenden durch den Rhythmus, durch den Tanz und die Verschmelzung mit der primitiven Bewegung, lässt sich dann auch, so Kaplan im kriegerischen Geschehen nachzeichnen. Das rhythmische Schlagen auf die Schilde, der Gleichschritt des Marschierens, der Kampfgesang, die Kriegslieder erfüllen genau diese Wirkung. In dieser Hinsicht meine ich, wird das Massengefühl gestärkt, das Gefühl der Einheit, der Kraft, dass man einzig Bewegung sei. Dadurch wird die Masse zu einer Einheit, welche steuerbarer wird, und gleichzeitig durch den Rhythmus in Bewegung ist, nicht zögert. Der Rhythmus der Masse treibt einen mit. In aktueller Abwandlung findet sich das noch immer, besonders deutlich beispielsweise beim Haka der neuseeländischen Rugbynationalmannschaft.


„Wenn der Wilde auf dem Kriegspfade, in der inneren Erregung, die ihn auch zum Singen bei dieser Gelegenheit treibt, seine Waffen tönend und rhythmisch zusammenschlägt, ist das nicht in demselben Grade wie der Gesang der direkte Ausdruck seiner Stimmung?“ Leo Kaplan 

Dementsprechend argumentiert Kaplan, dass es ursprünglich gar keine Trennung zwischen Musik und Tanz gab. Beide Aspekte sind verschiedene Seiten der gleichen Medaille, die in sich eigentlich einzig nur Ausdruck eines primitiven Bewegungsimpulses sei. Wenn also der Wilde oder der Krieger seine Hände zusammenschlägt, seine Waffen auf das Schild schlägt, ist das für Kaplan im Kerne nichts anderes als die rhythmischen Bewegungen der Stimmbänder, welche wir als Gesang bezeichnen. Durch diese Zuhilfenahme der Objekte der Umgebung, für den Ausdruck des primitiven tonischen, keinen Ziel verschriebenen primitiven Bewegungsimpulses, entstanden Töne verschiedener Höhe, woraus die ersten primitiven musikalischen Motive hervorgingen.


„Bei der Verbindung der primitiven Musik mit Tanz ist es schwer zu entscheiden, ob der Tanz den Takt der Musik markiert, oder ob die Musik den Takt des Tanzes ausfüllt. Richtiger ist es zu sagen, Tanz und Musik sind nur die verschiedenen Erscheinungsformen desselben primären Bewegungsimpulses: was der Tanz sichtbar ausdrückt, das macht die Musik hörbar, und auch umgekehrt.“ Leo Kaplan

In gleicher Weise, aus dem Tanze sich entwickelnd, betrachtet Kaplan auch die Poesie. Der Rhythmus des Tanzes geht ihm nach auf die Sprache über. Wilhelm Scherer nennt das die „gebundene Rede“. Für Kaplan ist aber die Verbindung von Musik und Tanz keine zufällige. Erst in späteren Zeiten trennen sich dann Musik und Poesie als eigenständige Seitenzweige. Doch im Kerne, behalten sie den gleichen Ursprung.


„Der Tanz als Ausdruck der Lebensfreude, der übersprudelnden Lebenslust und Lebensenergie ist Leben spendend, ist, kurz gesagt, „Fruchtbarkeitszauber“. [] Nun ist der Koitus eine rhythmische Bewegung, also soviel als Tanz.“ Leo Kaplan

Autor: Benjamin Seegert


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