• Benjamin Seegert

Ludwig Eidelberg - Das Verbotene lockt (1935)


Der Text Das Verbotene lockt von Ludwig Eidelberg, beziehungsweise seine Betrachtungsweise in diesem, so müsste man sagen, ist keine strikt klassisch psychoanalytische Betrachtungsweise mehr. Eidelberg befindet sich gewissermaßen in einem Graubereich, indem er der Entsexualisierungsbewegung des Triebes bereits zu nicht geringen Stücken anheim gefallen ist. Eidelberg befindet sich damit auch eher in der Denkbewegung Ferenczis, welche die narzisstische Einheit und das Ich an erster Stelle der Betrachtung setzt. Und trotz dessen zeitigt seine Betrachtung interessante Ideen, weshalb eine Vorstellung derer hier stattfinden soll.


„Die Tatsache, daß das „Verbotene“ auf viele Menschen eine große Anziehung ausübt und, statt eine bestimmte Handlung zu verhindern, sie im Gegenteil provoziert, ist so allgemein bekannt und selbstverständlich, daß es fast müßig erscheint, sie erklären zu wollen.“ Ludwig Eidelberg

Der Verstoß gegen ein Verbot zieht in der Regel eine Strafe nach sich. Daher ist es naheliegend anzunehmen, dass die Lust am Verbotenen aus der Lust an der Strafe heraus entsteht. Durch die illegitime Handlung provoziert man praktisch die Strafe. Unter dieser Perspektive läge es nahe, die Lust am Verbotenen als masochistische Befriedigung zu betrachten, eine Art indirekte Machtausübung.


„In meiner Arbeit: >>Beiträge zum Studium des Masochismus<<, konnte ich ergänzend zeigen, daß der Masochist nur jene Strafen, Versagungen, Erniedrigungen genießt, die er selbst unbewußt provoziert hat, und alle anderen, genau wie der Normale vermeidet.; daß ferner die unbewußt selbst provozierten Strafen seinen kindlichen Größenwahn schützen, da sie, in den Vordergrund geschoben, die realen Versagungen in den Schatten stellen und so die Fiktion der Allmacht stützen.“ Ludwig Eidelberg

Doch bemerkt Eidelberg zurecht, dass eine masochistische Lust eigentlich nur angenommen werden könnte, wenn eine reale Bestrafung auch tatsächlich stattfinde, nicht aber wenn die Strafe vermieden, bzw. umgangen werde. Ausgehend von den Empfindungen während einer solchen verbotenen Handlung, fällt die Nähe zu aggressiven Akten auf. Das Gefühl des Nervenkitzels, die mögliche Überlegenheit, das Kribbeln, die Aufregung etc. Diese Parallele veranlasst Eidelberg festzustellen, dass der Verbotene Akt ein aggressiver Akt sein dürfte. Das Verbot ist dahingehend Schöpfer dieses aggressiven Aktes. Das Verbot erschüttert in gewisser Hinsicht die Allmacht des Kindes, seine gefühlte Allmacht. Denn Selbst wenn die eigentliche Triebbefriedigung wieder ermöglicht würde, bliebe aber die narzisstische Kränkung noch immer bestehen. Das Scheitern der Allmacht, ist, wenn man so will, die traumatische Erfahrung die sich psychisch fortsetzt, als narzisstische Kränkung.


„Sie wäre nur aus der Welt zu schaffen, wenn man im Stande wäre, die einmal verbotene Triebbefriedigung trotz dem noch immer bestehenden Verbot zu erzwingen.“ Ludwig Eidelberg

Der Sexualtrieb wird durch das Verbot gehemmt, welches eine narzisstische Kränkung zur Folge hat. Weiterhin wird dadurch aber auch der Aggressionstrieb geweckt. Diese Aggression wird zu einer neuen Quelle der Lust, einer weiteren Quelle, die sich aber am Verbot orientiert sieht. Wird das Verbot durchbrochen, kann sich die Aggression abführen und weitere, zusätzliche Lust ermöglichen.


„Das Kind beginnt nach entsprechenden Situation zu suchen und findet immer neue Betätigungsmöglichkeiten. Soweit es der Erziehung gelingt, das Kind konsequenterweise zur Sublimierung zu führen, sind die Folgen dieser Neuerwerbung nur günstig; gefährlich werden sie, wenn die Sublimierung misslingt und ihre Befriedigung in ursprünglicher Form gesucht wird; werden sie aber mit den Sexualtrieben gekoppelt, so scheinen sie in der Entstehung der Neurosen eine maßgebende Rolle zu spielen.“ Ludwig Eidelberg 

Dabei ist die Aggressionsabfuhr vice versa von einem Verbot, anders gesagt einem Widerstand abhängig. Ohne Widerstand oder Abwehr ist der Akt der Befriedigung der Aggression kaum Lustvoll, bzw. wird langweilig. Das Ausleben der Aggression ist immer auch mit einer gewissen Gefahr verbunden. Einer Gefahr für das Individuum, und wenn Aggressionstrieb und Sexualtrieb gekoppelt sind, auch für die Sexualbefriedigung. Sexualtrieb ist hier bereits im Sinne des zweiten Triebmodells gedacht, in welchem unter dem Begriff des Sexualtriebes auch die Selbsterhaltung gefasst wird. Wegen dieser Gefahr kann die Aggression auch nur dann ausgelebt werden, wenn das Verbot durchbrochen werden kann. Ansonsten erfordert es einen Verzicht auf die Aggression, in anderen Worten eine Unterwerfung. Sexualität und Aggression gleichzeitig zu befriedigen scheint jedoch für beide Begehren eine nicht zuträgliche Wirkung zu haben.


„Versucht man in groben Umrissen dieses Problem zu skizzieren, so ergibt sich, daß die Zweckmäßigkeit der Aktionen eine bestimmte Konzentration und eine bestimmte Innervation zu erfordern scheint, und daß die Konzentration durchbrochen erscheint, wo gleichzeitig verschiedene Ziele vorliegen. Die für den Koitus notwendige Hyperämie des Genitales als Ausdruck der maximalen Besetzung dieser Gegend ist für einen Kampf störend; dieser erfordert eine andersartige Besetzung.“ Ludwig Eidelberg

Diese Betrachtung bezieht sich auf die Realität. In dieser finden nämliche Bedingungen Anklang. Jedoch auf dem Gebiete der Phantasie ist dem jedoch nicht so. Hier kann beides stattfinden, ohne sich auszuschließen.


„So scheinen jene Menschen, die vorwiegend in der Phantasie leben, imstande zu sein, besonders lange an der Koppelung der zwei Triebgemische festzuhalten. Aber auch umgekehrt führt das Festhalten an der gleichzeitigen Befriedigung beider Triebgemische zur Wendung und Flucht in die Phantasie.“ Ludwig Eidelberg

Das Verbot konstituiert also eine Lust, welche vorher nicht bestand, durch Erwecken der Aggression. Die eigentliche hinderliche Triebmischung kann in der Phantasie jedoch übergangen werden. Der aggressive Akt muss so nicht mehr direkt am eigentlichen Empfänger vollzogen werden, sondern kann an Ersatzhandlungen, Objekten vollzogen werden. In dieser Hinsicht ist das Machen des Verbotenen ein sadistischer Akt, der dort ausgelebt wird, wo er kann, um eine narzisstische Kränkung wieder rückgängig zu machen. Es ist der Versuch eine Überlegenheit gegenüber der verbietenden Person oder Institution zu erleben. Jedoch, im Sinne des Wiederholungszwanges ist eine Lösung des unterliegenden Konfliktes so nicht möglich, was den Modus Vivendi verstärkt.


„Gelegentlich wurde daher der Gedanke erwogen, daß diesen Verboten die entscheidende Rolle in der Bildung der Neurose zukomme, und daraus der Schluß gezogen, daß durch Änderung der Erziehung, durch vollständiges Fallenlassen aller Verbote die Neurosenfrage prophylaktisch gelöst werden könne. Es ist aber praktisch unmöglich, in der Erziehung des Kleinkindes von Verboten abzusehen: Der Anregung ist entgegengehalten worden, daß als Folge einer solchen, von allen Verboten gereinigten Erziehung das Kind oder die Mutter oder beide zugrunde gehen müßten.“ Ludwig Eidelberg

Autor: Benjamin Seegert

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