• Benjamin Seegert

Mona Lisa und weibliche Schönheit – Fritz Wittels (1933)


Davinchis Werk, die Mona Lisa, im besonderen ihr Lächeln, sind für den Psychoanalytiker Fritz Wittels Ausgangspunkt einer Untersuchung über die Schönheit, im Speziellen die weibliche Schönheit. Das Lächeln der Mona Lisa und die Wirkung die dieses auf ihn und so viele andere hat, stellt sich für Wittels als eine Art Kommunikationsmittel dar.


Lächeln verhält sich ja überhaupt zur Person, die das Lächeln ausschickt wie eine libidinöse Besetzung des Objektes außerhalb zu einem narzißtischen Sein. Dieses Objekt der Außenwelt kann freilich unter Umständen das eigene Ich sein, das sich zum Objekt nimmt. Man kann etwa in den Spiegel schaun, ist mit sich zufrieden und lächelt sich zu. Für gewöhnlich aber dient das Lächeln  dem Verkehre mit dem Du und das schon von dem ersten Lächeln des Säuglings angefangen, der von sich selber und jedenfalls von Selbstspiegelung noch nichts weiß.“ Fritz Wittels

Ohne ihr Lächeln wäre auch die Mona Lisa nicht schön. Erst ihr Lächeln, so Wittels, mache sie schön. Er erklärt, dass Lächeln und Schönheit eins seien. In dieser Hinsicht würden auch die Fotografen die Menschen zum Lächeln auffordern, um auch nicht schönen Menschen Schönheit zu verleihen. Diese ist dahingehend eigentlich als eine künstliche, aufgesetzte Schönheit zu verstehen, was Wittels dahin führt, das Schönheit selbst etwas aufgesetztes sein könne. Diesbezüglich hatte in einem sehr angeregten Gespräch mir jemand erklärt, dass er es leidig fände, dass auf Fotos heutzutage alle lächelten. Dieser mir sehr sympathische Einwand könnte ja auch als Kritik an der Aufgesetztheit der Schönheit, etc. gelesen werden. Man sei einzig gemahnt an die düsteren Mienen eines Freuds oder Schopenhauers und die doch nicht minder beeindruckende Wirkung die von diesen Portraits, bzw. den Portraits dieser Zeit ausgeht.


„Wenn die Schönheit ein Symptom ist, dann ist sie ein Konversionssymptom und gehört zur Hysterie. Die verdrängte Idee: ich will gefallen, den Mann anziehen, von ihm befriedigt werden, mit allen Konflikten zwischen Ich und Es, die daraus entstehen, auf allen Stufen des Narzißmus, der Homo- und Heterosexualität – diese Idee ist zur Organsprache konvertiert und auf die Oberfläche des Körpers geschrieben.“ Fritz Wittels

Wittels sieht darin einen Kampf um den Penis, einen Umgang der Hysterischen mit der Kastrationsangst. Die Schönheit macht den Penis auf narzißtischen Wege entbehrlich, so Wittels, in dem die Schöne selbst zum Phallus wird, bzw. ihn anlockt. Die Freude von uns Männern, so meine ich, mit einer hübschen, oder am besten gleich mehreren hübschen Frauen ein Foto zu machen, um beim Foto zu bleiben, mag auch hier der passende Verweis auf die phantasierte Zurschaustellung der Potenz jeweiligen Mannes sein. Die Frau, bzw. ihr „Besitz“ wird zum Symbol für die Potenz, die Frau wird zum Phallus. Und auch Frau kann sich in dieser Hinsicht als Phallus fühlen, sich damit identifizieren, indem sie, durch die eigene Schönheit, gefühlt die Macht über den Mann hat. Sie hat zwar keinen Penis, aber sie ist über narzisstischen Umwege zu einem geworden.


„Diese Frauen entwickeln häufig sadistische Tendenzen und dem richtigen hysterischen Mechanismus gemäß wissen sie nicht einmal, was sie ihren Liebhabern antun.“ Fritz Wittels

Wittels erklärt, dass besonders masochistische Männer für diese Arten von Frauen anfällig wären. Derer Masochismus bewirke dann auch besonders den Sadismus dieser Frauen. Umso unterwürfiger sie sind, umso mehr werden sie bestraft.


„Man kann aber, wie ich glaube, nicht übersehen, daß in diesen Frauen ein Zwiespalt besteht, zwischen der ungeheuren Wirkung, die von der Schönheit ausgeht und der oft verzweifelten Leere, die man dahinter findet. Die Schönheit ist ihnen aufgesetzt wie ein Fremdkörper. Deshalb sind sie lauter Versprechen und keine Erfüllung.“ Fritz Wittels

Dabei sei jedoch betont, dass Wittels nicht meint, dass jede schöne Frau in Herzen leer sei. Es handle sich hierbei um Schönheit die Symptomcharakter besitze, nicht um natürliche Schönheit.


„Der liebende Mann wird unwiderstehlich angezogen und verdurstet wie der Wüstenwanderer, der hinter der Luftspiegelung her ist. Man möchte das populäre Doppelwort sex appeal in seine Teile zerlegen: Der Ruf ist laut, aber die sexuelle Potenz im weiblichen Sinne fehlt." Fritz Wittels

Auch im Kontext eigener Erfahrungen und Beobachtungen scheint mir gerade dieser Ausruf Wittels bekannt. So empfand ich oft einen gewissen Widerspruch bei einigen Frauen mit denen ich verkehrte, zwischen einer enormen in Szene gesetzten Schönheit, und einer leider nicht seltenen Frigidität und Blässe des Charakters. Dann war der knallrote Lippenstift oft eher eine Verführung, die ihrer Realität entbehrte. Die Umsetzung der Verführung durfte kaum geschehen, die Hitze der Verführung verwandelte sich im herannahenden Vollzug des Aktes in Geschlechtskälte. Das trifft nicht auf alle schönen Frauen zu mit denen ich verkehrte, doch gerade auf jene, denen ich eher hysterische Charakterzüge unterstellen würde. Egal wie, wird aber durch Wittels Äußerungen deutlich, dass die Schönheit der Frau eine unheimliche Macht auf den Manne ausübt, eines Soges, dem Mann sich kaum entziehen kann. Die Schönheit zeigt sich jedoch in seiner Macht so umfassend, dass alles im Leben dadurch berührt, bzw. sich verändert. Die Schönheit ist Produkt der Kultur und gleichzeitig gefährdet sie diese.


„Frauen, die am Gifte ihrer Schönheit erkranken, können diese Schönheit unmöglich vor einer gewissen Auflösung bewahren, wenn sie geheilt werden sollen. In Wirklichkeit aber ist die Schönheit doch beinahe ein „irreversibles“ Symptom; ist ein zu wertvoller Besitz und die meisten Frauen werden eher jedes Leiden auf sich nehmen als auf sie zu verzichten.“ Fritz Wittels

Abgesehen vom konkreten Leiden fällt auch der enorme Aufwand auf, den nicht wenige Frauen auf ihre Schönheit verwenden. Wittels erklärt dahingehend, dass gerade diese Zeit, er schrieb diese Betrachtungen 1933, es so vielen nicht von Natur aus schönen Frauen ermögliche, künstlich schön zu werden. Er zählt dazu Gymnastik, Mode, Schönheitsindustrie, Farbe und Pinsel, sprich Schminke. Zum Problem werde dabei jedoch oft, dass diese Art der Schönheit keinen rechten Zugang zu Persönlichkeit findet. Sie ist abgespalten, nicht natürlich verbunden mit der Person. Und trotz dessen schafft sie eine Illusion, an die sie die Trägerin glauben lässt.

„Wir haben der berühmten und so unzulänglichen Definition: „Schön ist, was gefällt“, gegenüberzustellen: „Schön (in unserem Sinne) ist, was gefallen will.“ Fritz Wittels


Autor: Benjamin Seegert

4 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Otto Fenichel - Über Homosexualität (1931)

Perversionen, wie auch die Neurosen für sich, sind keine Abnormitäten menschlichen Seins. Vielmehr, und das ergibt sich aus psychoanalytischer Perspektive, sind sie allen Menschen gemein, stellen viel

©2019 thanatos. Erstellt mit Wix.com