• Benjamin Seegert

Oskar Pfister - Zur Psychologie des Autolenkens (1931)

Aktualisiert: 29. Juli 2020


Bei diesem hier vorzustellenden Text von Oskar Pfister handelt es sich wirklich um einen sehr kurzen Text. Die Kürze verwundert dabei tatsächlich, weil Pfister selbst sagt, man könne über das Thema eigentlich eine ganze Monographie schreiben, sich dann aber abgesehen von dem Hinweis, mit ein paar Seiten Exploration begnügt. Das Thema, die Psychologie des Autolenkens, bzw. des Fahrens, so ging es mir nicht nur bei der Lektüre des Textes, ist sehr bedeutungsschwanger. Ich selbst als leidenschaftlicher Autofahrer und nicht selten auch leidenschaftlicher Raser, empfand den Text als eine interessante persönliche Exploration. Wenn man so will, ist Pfisters Text eine Art monothematische Reaktion auf Alfred Wintersteins Text „Zur Psychologie des Reisens“. In diesem Text forschte Winterstein eben der Bedeutung des Reisens nach. Reisen und Autofahren sind dahingehend verwandt, eines kann Teil des Anderen sei, das Andere Ausdruck des Einen. Anders gesagt, jedes Autofahren ist auch eine kleine Reise.


Häufig stößt man auf die  heiße Sehnsucht, die gegenwärtige Äußere oder namentlich die vorhandene innere Lage zu verändern. Der Kraftwagen erfüllt hier denselben Wunsch, den bei andern unruhigen Seelen der immer wieder benutzte Möbelwagen befriedigt.[] Franz Alexander führte in einem interessanten Kriminalfalle rasende Sucht nach Benutzung des Autos auf Flucht vor der Mutter zurück.“ Oskar Pfister

Mit dem Möbelwagen ist wohl der Umzug in eine andere Wohnung, oder Stadt gemeint, was ebenso die Frage aufwirft, welche Bedeutung z.B. Umzug hat. In den seltensten Fällen zieht man ja auch rein ökonomischen etc. Gründen aus dem Elternhaus aus, es hat andere Bedeutungen, erfüllt andere Zwecke. Dass der Auszug aus dem Elternhaus damit meiner Ansicht nach immer auch eine gewisse Flucht vor und Emanzipation von den Eltern darstellt, kann man wohl kaum bezweifeln.

Jedoch zum Text zurückkehrend geht Pfister auch auf die Art und Weise des Autofahrens ein. Dabei unterscheidet er grob den Extravertierten und den Introvertierten.


„Der Extravertierte, der sich der Außenwelt stark hingibt, fährt im Allgemeinen viel rascher, stürmischer, als der verschlossene (Introvertierte) in die Welt hinaus.“ Oskar Pfister

Anders gesagt, in der Art und Weise des Autofahrens drückt sich zu nicht geringen Teilen auch die eigene Persönlichkeit aus. So behandelte Pfister eine Person, welche unter anderem durch ungestümes Autofahren und Rasen auffiel. Gerade dieses Verhalten veränderte sich, als die allgemeine Unruhe, welche den Patienten in seinem Leben plagte, verschwand. Auch die Sicherheit des Fahrens veränderte sich. Wo er zuvor konfliktgeplagt war, fuhr er unsicher und ungenau.


„Zu besserem Einklang mit seinem Unbewußten gebracht, fuhr er geradlinig, im Gefühl vollkommener Sicherheit.“ Oskar Pfister

Im Bezug zur Sicherheit des Fahrens, welcher ja auch in gewisser Hinsicht ein subjektiver ist, zumindest wenn es das Gefühl des Beifahrers angeht, erklärt Pfister, dass auch dieses Beifahrergefühl Auskunft über das Unbewusste gibt. Auch wenn Pfister auf diesen Aspekt nicht weiter eingeht, erinnert mich es doch an die nicht wenigen lang verheirateten Paare, bei denen der Beifahrer eine überstarke Ängstlichkeit und damit verbundenes Nörgeln an den Tag legt, wenn es um das Fahren des Partners geht. Pfister erklärt in anderen Bezug, dass wer sich ängstigt, nicht vollkommen in der Liebe sei. Dahingehend mag man sich fragen, ob das Gefühl des Beifahrens in gewissen Fällen eine Auskunft über die Beziehung geben kann. Ich meine viele können sich im Bus, bei ihnen fremden und unbekannten Busfahrern entspannen und schlafen, oder im Taxi. Jedoch beim eigenen Gatten oder Freund ist man dauerhaft gestresst und wachsam. Ich sage nicht, dass man den Busfahrer liebt, aber dass eventuell zum Partner unbewusste oder bewusste Konflikte und Hassgefühle bestehen, die ein sich Fallen-lassen verunmöglichen, bzw. man am Fahrverhalten des anderen diese bindet, ohne dass sie was damit zu tun hätten. Das ginge natürlich in beide Richtungen. Das naive Mitfahren des verliebten jungen Mädchens nach der Party, beim besoffenen Freund, mag ebenso eine Überschwänglichkeit und ein Verändern der Realität durch die Gefühle zum Partner sein. Das Besoffene fahren und auch das generell Regel brechende Fahren, als Verweis auf das Gesetz, den Vater, ist damit nach Pfister ebenso eindeutig einzuordnen.


„Diese Selbstgefährdungen durch Übertretungen der Fahrordnung läßt sich vom Analytiker fast immer als unbewußte Tendenz zur Selbstbestrafung nachweisen.“ Oskar Pfister

Auch der andere Autofahrer, und die Lust die man beim Autofahren verspürt, oder zumindest die Freiheit, sich gegenüber anderen auszulassen, symbolisiert meist den Kampf, so Pfister, gegen den Vater.


„Der ungeschlachte Autofahrer gefährdet absichtlich oder unabsichtlich den gleichberechtigten Straßenbenutzer, weil er irgendeinen Feind, meistens den Vater, in ihn hineinprojiziert, ohne es im geringsten zu bemerken.“ Oskar Pfister

Auch die Unfähigkeit bei Gefahren eine Vollbremsung zu machen, sich diese zu trauen, oder aber gekonnt auszuweichen, könnte man darin einordnen, dass unbewusste Motive im Spiel sind. Diese bewegen eigentlich das Lenkrad und können einen, durch die kleine Unachtsamkeit oder falsche Reaktion ins Verderben reiten. Und jeder muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass im Stress, im Schreck, eher das Unbewußte reagiert, als das Ich, heißt unbewusste Konflikte oder Begehren sich verdinglichen.


„Man darf nicht übertreiben und falsch verallgemeinern. Aber sicher ist, daß sehr viele Autounfälle, wie auch viele einst rätselhafte Unarten und krankhafte Begleiterscheinungen des Autolenkens der Tücke des Unbewußten entspringen.[] Dem Autolenker, wie dem Bergsteiger, dem Turner, der halsbrecherische Übungen macht, dem Schachspieler, dem Schützen, dem Heerführer, ja im Grunde jedem Menschen gilt der erste Rat: Hüte dich vor den Dämonen, die in deinem Unbewußten hausen.“ Oskar Pfister

Diese kurze Exploration lässt viele Fragen offen und schafft viele weitere Anknüpfungspunkte, welche wohl an anderer Stelle betrachtet werden müssten. So könnte man sich fragen, ob das Einparken können, nicht ohne Grund für viele Frauen eine gewisse Hürde darstellt, weil es möglicherweise ein Verweis auf ihre Genitalitätist. Ebenso wie Frauen es nicht selten Sexy finden, wenn ein Mann einparken, überhaupt das Auto sicher steuern kann, ist das Einparken mglw. ein Symbol für den Sexualverkehr, in dem der Mann sein "Auto" in die Frau „einparkt“, und wenn er dieses richtig macht, ebenso Bewunderung erntet. Auch das verweist uns auf die Frage, welche Bedeutung Autos als Potenzsymbol haben, was ich ja bereits im Video über Mädchen und Pferde andeutete.


Autor: Benjamin Seegert

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