• Benjamin Seegert

Otto Fenichel - Über Homosexualität (1931)


Perversionen, wie auch die Neurosen für sich, sind keine Abnormitäten menschlichen Seins. Vielmehr, und das ergibt sich aus psychoanalytischer Perspektive, sind sie allen Menschen gemein, stellen vielmehr unseren psychosexuellen Ursprung dar. Die Herabsetzung der Perversen, so Otto Fenichel, wäre dementsprechend vielmehr eine gewisse Angst, vor der Einsicht in die psychische konstitutive Gleichheit, die einen mit den Perversen verbindet. Diese Gleichheit ergibt sich daraus, dass wir alle einmal Kinder waren, und eben jene Entwicklungspositionen durchlaufen haben, welche unter dem Begriff der infantilen Sexualität gefasst werden.


„Die Psychoanalyse Erwachsener und die direkte Kinderbeobachtung erweisen, daß Kinder sadistisch und masochistisch handeln, daß sie, wie am Grausamen, so auch am Schmutzigen sexuellen Genuß haben, daß sie in genitaler wie in exkretorischer Hinsicht gern beschauen und beschaut werden, daß sie in ihrer Liebeswahl nicht auf ein Geschlecht beschränkt sind, ja daß sie sich wie kleine Fetischisten benehmen.“ Otto Fenichel

Das bedeutet, dass wir alle mit einer latenten polymorph perversen Grundstruktur ausgestattet sind. Wir sind fähig pervers zu genießen, wir haben es als Kind auch, nur ist diese Weise, oder zumindest viele dieser Weisen und besonders deren Stärke in der Ausprägung verdrängt. Was einst Perversion war, zeigt sich nun vielleicht als Vorlust. Dass man bei der Perversen Position bleibe erkläre sich dann aus den gleichen Aspekten, welche auch die Neurose bedingen, beispielsweise Fixierungen und Enttäuschungen. Die Perversion, wie die Neurose, sind also ein Rückgreifen, so Fenichel.


„Daher hatte die Formel Freuds einen Sinn, die Neurose sei das „Negativ der Perversion“, nämlich eine entstellte Perversion, die, durch die Abwehr beeinträchtigt, sich unkenntlich machen mußte.“ Otto Fenichel

Die Fixierungspunkte, aber besonders auch das Ich entscheiden dann darüber, ob eine Neurose oder Perversion entsteht. Dort, und das hängt eventuell auch von der Gesellschaft ab, wo eine vermeintlich entstellte Sexualität, zumindest in einem gewissen Rahmen, zugelassen werden kann, kann sich die Perversion befriedigen, sodass keine Neurose notwendig wird. Die Perversion ist daher nicht eine Abnormität, sondern das einzig nicht verdrängte Überbleibsel einer früheren infantilen Begehrensweise. Die Fixierungspunkte und die Enttäuschungen, welche einen diese Form der Befriedigung nicht aufgeben lassen wollten, sind dabei wohl verdrängt, die Perversion zeigt sich damit in Form einer sogenannten Deckerinnerung, wie Fenichel versucht am Beispiel der Homosexualität zu erläutern.


„Jeder Mensch hat in seinem Unbewußten auch homosexuelle Regungen mit im engsten Sinne sexuellen Zielen; jeder Homosexuelle auch entsprechende heterosexuelle Regungen. Die Sexualtriebe sind also bei ihrer Objektsuche nicht durch das Geschlecht so eingeschränkt, wie man gewöhnlich annimmt. Die Verlötung von Trieb und Objekt ist locker, die Geschlechtszugehörigkeit des Objektes von vornherein nicht so wichtig.“ Otto Fenichel

Jeder Mensch, in diesem Fall jeder Mann, ist also auch latent homosexuell, was sich in bestimmten Situationen, in denen bspw. keine Frau vorhanden ist deutlich zeigen kann. Besonders im Gefängnis wird solch eine Weise immer wieder beobachtbar.


„Aber es bringt uns auf den Gedanken, ob nicht alle Homosexualität ähnlich gebaut sein könnte, indem nur das Fehlen der Frau, das hier durch äußere Umstände bedingt ist, dort seine inneren Gründe hätte. Es könnte so sein, daß es für den Homosexuellen aus problematischen Gründen einfach keine Frau mehr gibt.“ Otto Fenichel

Die homosexuellen Männer weisen daher nicht unbedingt eine bedeutende Lust am Penis auf, sondern eher eine Angst vor der Vagina. Mit der Vagina wird die sogenannte Kastrationsangst verbunden, der Kontakt mit ihr, so die unbewusste Phantasie, könnte einen, im Sinne der Vagina Dentata, auch kastrieren.


„Auch der homosexuelle Mann hat sich nach der Enttäuschung am weiblichen Geschlecht mit demselben identifiziert, aber was den Ausschlag darüber gibt, ob er homosexuell wird oder nicht, kann nur der Umstand sein, an welcher Stelle, in welcher Eigenschaft diese Identifizierung erfolgt.“ Otto Fenichel

Dabei unterscheidet Fenichel zwei Typen von Homosexuellen, wobei vermerkt sei, dass es deutlich wird, dass gerade in der Homosexualität, viel eher noch als in der Heterosexualität, Identifizierungen mit dem Objekt von Bedeutung seien. Objektwahlen werden dabei im starken Maße durch Identifizierungen ersetzt.


„Der erste Typus will sein ich-ähnliches Objekt so lieben, wie die Mutter ihn hätte lieben sollen. Der zweite Typus will vom Vater geliebt werden, wie die Mutter von ihm geliebt wird.“ Otto Fenichel

Die weibliche Homosexualität, mit welcher Fenichel seine Erörterungen schließt, funktioniere nach der gleichen Weise, wie die des Mannes. Doch werde dabei deutlich wieviel archaischer die weibliche Homosexualität sei, da gerade bei der Frau die erste Liebe, also die Liebe zur Mutter, anders als beim Mann, keine heterosexuelle, sondern eine homosexuelle Liebe sei. Doch auch der Ödipuskomplex, im Sinne des Peniswunsches und der Kastrationsangst, zeigen sich, wie beim Manne, auch bei der Frau als zentraler Aspekt in der Manifestation der Homosexualität.


„Dem Gedanken des männlichen Homosexuellen: ich will nichts mit penislosen Wesen zu tun haben, um nicht an die Kastration erinnert zu werden, entspricht etwa ein Gedanke der weiblichen: ich will nichts mit penistragenden Wesen zu tun haben, um nicht an mein beschämendes Kastriertsein erinnert zu werden.“ Otto Fenichel

Autor: Benjamin Seegert

9 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

©2019 thanatos. Erstellt mit Wix.com