• Benjamin Seegert

Prokrastination und Konflikt


Die klassisch psychoanalytische Perspektive zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Konflikt als fundamental bedeutsam im Kontext psychischen Erlebens und damit auch psychischer Gesundheit betrachtet. Mit Konflikt ist aber nicht der Streit mit den Eltern oder Partner etc. gemeint, sondern ein innerpsychischer Konflikt, der sich zwischen verschiedenen Begehren, Ansprüchen und Möglichkeiten darstellt. Um diese Konflikte zu lösen, welche oft in ihrer Gänze nicht bewusst sind, gibt es verschiedenste Möglichkeiten. Die simpelste Variante ist hierbei die Verdrängung. In dieser Hinsicht wird so getan, als gäbe es bestimmte Begehren nicht, was wiederum den Konflikt überflüssig macht. Platt gesprochen könnte man es so übersetzen, dass wenn keine Zigaretten vorhanden sind, man auch nicht rauchen kann. Theoretisch liegt in dieser Weise nicht unbedingt Negatives. Von all den geglückten Verdrängungen wissen wir in der Regel nichts, wodurch sie uns nicht als Konflikt erscheinen. So würde wohl kaum einer sich ernsthaft an seiner Mutters Brust zurückwünschen, obwohl sie einst Hort größter Liebe war. Diese Verdrängung ist beispielsweise eine bei den meisten geglückte Verdrängung, die sich nicht als Verdrängung anfühlt. Erst wenn die Verdrängung ungenügend erfolgreich war oder aber so viel psychische Kraft erfordert, um sich aufrecht zu erhalten, dass infolge die Psyche verarmt, bilden sich daraus Symptome. Diese Symptome werden dann vom Ich bekämpft, wie einst das konflikthafte Begehr und in Conclusio ergibt sich die Neurose. Symptome sind die Versuche, auf eine pervertiere Art ein ursprüngliches Begehr, welches nicht der Befriedigung zugelassen wurde, zu erledigen. Ich sage das alles, da sich daraus ergibt, dass psychische Krankheiten keine für sich stehenden Entitäten darstellen, die ähnlich einem Virus das Individuum befallen. Symptome sind unbewusste Entscheidungen, es sind Abfuhrwege der Libido, anders gesagt, Versuche der Befriedigung. Dieser Schluss trifft auf alle psychopathologischen Phänomene zu. Es trifft auf die Depression zu, wie auch auf das Burnout, auf die Magersucht und die Panikattacken, auf das Ritzen und eben auch auf die Prokrastination.

Diese Betrachtungsweise hat aber nicht einzig theoretischen Wert, sondern entscheidet auch über die Praxis. Man kann noch soviel an den Symptomen Herumdoktern, sich Tipps und Tricks angucken, sich zwingen und Vorsätze machen. Solange der Konflikt nicht gelöst ist, wird man immer wieder in den alten Modus zurückfallen. In Bezug dazu sei auch erwähnt, dass nach dieser Lektüre man, nur weil die Prokrastination etwas mehr verstanden wurde, man nicht wie magisch von ihr geheilt wurde. Psychoanalytisch betrachtet ist wirksame Einsicht kein vordergründig rationales, sondern ein emotionales Moment, es ist Erfahrung, statt Wissen. Das Begehr zu entziffern kann jedoch einen ersten Schritt dahin bedeuten und ein wenig den Zwang des Symptoms nehmen, sowie zur Reflektion anregen. Aber auch der beste Text kann nicht leisten, wonach man darin auf der Suche ist: Heilung.

Die Prokrastination stellt sich als ein Konflikt dar, der sich besonders zwischen dem Wunsch ein Kind bleiben zu wollen und gleichzeitig erwachsen werden zu müssen/zu wollen aufgestellt weiß. Der Prokrastinierende kann sich nicht entscheiden zwischen den Positionen und über den Umweg des Symptoms versucht er beide Begehren zu befriedigen, um final an beiden jedoch zu scheitern. Die infantile Position ist dahingehend die bekannte Position. Es ist die Position, welche einen die Befriedigung der Begehren verspricht, wie man sie immer schon erlebte. Dadurch bleibt das Individuum jedoch in der Abhängigkeit von Anderen gefangen, mit dem Lohn keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Darin wird die Passivität der infantilen Position deutlich, die besonders durch eine Hemmung der Aggression im produktiven Sinne geprägt ist. Auch die Prokrastination stellt sich als Aggressionshemmung dar. Sie ist ein Verweilen in der masochistischen Position, also der passiv-aggressiven Position.

Auf dem Umweg der eigenen Schwäche funktioniert und wirkt das Kind gegenüber seiner Umwelt. Weil es klein und süß, bzw. hilflos ist, fühlen sich andere dazu genötigt, motiviert, eingeladen, die Aufgaben zur Erfüllung der Begehren für das Kind zu übernehmen. Ein anderer erfüllt also das, was das Kind nicht erfüllen kann, oder schlimmer, nicht möchte, um eine Befriedigung sich zu ermöglichen. Offensichtlich ist dabei, dass dieses Verhalten in gewisser Hinsicht auf eigene Kosten geht, über die eigene Opferposition wirksam wird. Man erzeugt also einen Opferstatus, die Hilflosigkeit, oder Krankheit oder Unfähigkeit einer Art, um darin andere dazu zu bringen, einen Opferstatus, den Verzicht oder das Scheitern einer anderen Art nicht eintreten zu lassen. Man hält übersetzt gesprochen den Hintern hin, um nicht kastriert zu werden. Das Individuum geht nicht in eine genitale, erwachsene Position, welche eine mehr oder weniger bewusste Anerkennung des Begehrens voraussetzt. Diese Position benötigt eine gewisse Aggression, um sich dem Objekt und der Sache zu widmen, in der Tätigkeit aufzugehen, indem man das Objekt des Interesses bewältigt. Das kann ein Forschungsobjekt, eine Hausarbeit oder aber ein Liebesobjekt sein. Auch an dieser Stelle ist eine gewisse Aggression notwendig, um den Akt zu ermöglichen. Dieser Zusammenhang wird aber an anderer Stelle ausgiebiger diskutiert. Die erwachsene Position, in der Gutheißung des eigenen Begehrens und der Aggression setzt ebenfalls die Fähigkeit voraus, Scham und Schuld aushalten zu können. Wenn man aktiv ist, kann man Fehler machen, scheitern und sich dafür verantwortlich fühlen, was in Conclusio Schuld und Scham aufnötigt. Doch ist es gerade das Gewicht dieser Verantwortung welchem sich der Prokrastinierende erwehren möchte. Er ist wie Peter Pan, der für immer ein Kind bleiben möchte. Peter Pans Nemesis, wie in der Prokrastination, ist Kaptein Hook, der die Zeit verkörpert, die Vergänglichkeit und Kastration. Und wie Peter Pan, sieht sich auch der Prokrastinierende im Kampfe gegen die Zeit, sieht sich durch sie gefangen und versucht sich von ihrem Griff zu befreien. Der Prokrastinierende, wie auch Peter Pan versuchen das Phantasma der absoluten und anstrengungslosen Befriedigung aufrechtzuerhalten, des Lebens außerhalb der Zeit.

Die infantile Position weiß sich dahingehend definiert, durch die Schwierigkeit der jeweiligen Person, die Kastration anzuerkennen und damit den Verzicht und die Arbeit gutzuheißen. Das kindliche Erleben ist stark geprägt durch das nahezu primärprozesshafte Genießen. Die Befriedigungen sind absolut, sofortig und anstrengungslos. Diese Position möchte in Folge nicht aufgegeben werden, da die Alternative, also das sekundärprozesshafte Genießen dem Kinde einen Aufschub an Befriedigung einerseits abverlangte und es auffordert darin eine Erotisierung der Bedürfnisspannung vorzunehmen. Die Pflichten des Lebens, die einen die Kultur und Umwelt aufbürdet, um darin zurechtzukommen, erfordern gerade den Sekundärprozess, also die Anerkennung der Realität. Daher wird der Sekundärprozess auch als Realitätsprinzip bezeichnet.

Die Realität, gegen jene man sich wehrt, weil sie Arbeit und Verzicht bedeutet, muss für den Prokrastinierenden erst kompromisslos werden, um ihren Einfluss geltend zu machen. Erst dann sieht man sich zum Handeln gezwungen. Eben aus diesem Grund muss der Prokrastinierende bis zum letzten Moment aufschieben, bis zu dem Moment, an dem es keinen Konflikt mehr gibt, weil die Alternative ein sofortiges Scheitern bedeutete. So wird der Prokrastinierende, trotz bester Tipps und Tricks auch immer wieder an diesem Moment ankommen, weil er dort ankommen muss, um zum Handeln gezwungen zu sein. Die eigene Autorität ist nicht genügend vorhanden, weshalb die äußere gesucht werden muss. Anders gesagt, der Prokrastinierende prokrastiniert, weil er die Möglichkeit dazu hat. Er tut es, weil er es kann. Und so wird er auch erst damit enden, wenn der Konflikt im Hintergrund gelöst ist. Damit ist die Prokrastination für den Studierenden das, was das Burnout für den Arbeiter ist, ein Leiden unter dem Konflikt und der Möglichkeit.

Die Herkunft dieser Haltungen stammt offensichtlich aus der Kindheit und entspricht einer gewissen Art des magischen Denkens. Man hofft, wider besseres Wissen, dass sich die Aufgabe von selbst regelt, dass ein Umstand ihre Erledigung unnötig macht, die Ansprüche runterschraubt, oder jemand oder etwas zur Hilfe springt. Der Ghostwriter, findet ja gerade dadurch seine Kundschaft. Dieser Umstand, der etwas für einen regelt, ist in vielen Fällen die Eltern gewesen. In dieser Hinsicht hat Alfred Adler zurecht darauf verwiesen, dass nicht nur Vernachlässigung und Frustration zu Neurosen führe, sondern ebenso auch die Verwöhnung.

Die Prokrastination stellt dementsprechend, so abstrus es klingen mag, einen Schutz dar. Wer, wie bereits beschrieben, nicht handelt, kann zumindest in der Phantasie nicht scheitern. Andererseits entzieht man sich auch der Notwendigkeit sich zu entscheiden und die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen. In dem Moment, in dem man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich gleichzeitig gegen 1000andere Sache. Der Prokrastinierende leidet darunter, dass er die Unendlichkeit der Möglichkeiten und damit das Phantasma des unendlichen und uneingeschränkten Genießens nicht aufgeben will. Man kann aus der infantilen Position in Folge ein Leben lang phantasieren, man könne noch immer Astronaut, Fußballprofi, Pornodarsteller oder YouTube Star werden. Innerhalb des infantilen Denkens schließen sich diese Aspekte gegenseitig nicht aus.

Die Prokrastination erspart einem in Folge auch die Langeweile und mögliche Depression. Was viele erfahren, dass wenn sie nach Jahrzehnten des Prokrastinierens sich einer Sache widmen, sie fast unweigerlich feststellen, dass es oft die Phantasie von der Sache war die reizvoll war, statt dessen reale Umsetzung. Genauer gesagt ist auch die Phantasie überhaupt etwas Sekundäres, ihr Inhalt, aber besonders auch ihre Existenz erfüllen ja einen Zweck, eine Leere, eine Lücke zu füllen, eine Bedeutungslosigkeit, die eben nicht gefühlt werden darf. Die Prokrastination ist und bleibt am Ende eine Flucht – eine Flucht vor dem Erwachsen werden, und eine Flucht vor sich selbst, eine Flucht vor dem Konflikt, vor der Entscheidung und besonders eine Flucht vor der Verantwortung.


Autor: Benjamin Seegert

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