• Benjamin Seegert

Sándor Radó - Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte (1927)


Radó betrachtet die Rauschgifte vorwiegend im Bezug zum Ich. Das heißt, einerseits, welche Wirkung haben sie auf, und Folgen für das Ich, andererseits, welche Motive des Ich, führen zur Einnahme der Rauschgifte. Die Substanzen, welche sich oft als Pharmaka, also Medikamente wiederfinden, geht er von analgetischen und stimulierenden Wirkungen aus. Beide dieser Wirkungen geschähen jedoch in gewisser Hinsicht im Sinne des Ichs. Die analgetischen, also sedativen und schmerzstillenden Wirkungen bedürfen jedoch zuerst einer Betrachtung dessen was Schmerz psychologisch gesehen bedeutet.


„Durch das Versagen des Reizschutzes erwirbt der Schmerz, auch wo er von Außen angreift, die Eigenschaften der kontinuierlichen inneren Reize, also der Triebe, gegen die ja die Einrichtungen der Reizabhaltung von Vornherein ohnmächtig sind.Sándor Radó

Der psychische Apparat, so Radó, versucht dieser Reize Herr zu werden, indem sie durch Gegenbesetzungen gebunden werden und über die Motorik abgeführt werden. Ich stelle mir vor, man könnte das Schreien, aber auch das Krampfen und Anspannen, oder Schlagen aufgrund von Schmerz als Beispiele aufzählen. Die Intensität des Schmerzes entscheidet letztlich, welche Abwehrmaßnahmen wirken.


„Es ist nun leicht ersichtlich, daß die Pharmaka durch die Herabsetzung oder Aufhebung der Schmerzempfindung gerade das leisten, woran es der seelischen Organisation mangelt, einen Reizschutz nach innen.Sándor Radó

Die stimulierende Wirkung hingegen wirkt er so, dass sie eine Spannung schafft, man könnte es moderner ausgesprochen, Stress nennen. Am Beispiel von Koffein erklärt Radó, dass die unlustvolle Spannung in lustvolle Spannung umgewandelt wird. Die Ichhaftigkeit, oder warum es lustvoll erlebt wird, so stelle ich mir vor, ist, dass aus dem Wunsch des Ichs selbst, dieser Stress erzeugt wird, der daringehend die andere Spannung an sich zieht.


„Sie schaffen gestörten Intentionen freie Bahn, indem sie störende (hemmende) Einflüsse (hauptsächlich Gewissensspannungen) durch ubw Befriedigung abspeisen und so aus dem Wege räumen.[] Wir merken, in den Vorgängen der Stimulation geht eigentlich eine geglückte Erotisierung der Ichfunktionen vor sich.Sándor Radó

Doch kommt noch eine andere Wirkungsart ins Spiel, die der wollüstigen Zustände, also des Rausches, der Euphorie, der Betäubung. Dabei stellt Radó eine gewisse Parallele zwischen dem toxischen Rausch und der Endlust des natürlichen Sexualgenußes, sprich dem Orgasmus fest. Im Gegensatz zur Befriedigung der Partialtriebe, verliert der Orgasmus nach erreichen seine Lokalität und breitet sich als wolliges Gefühl auf den ganzen Körper aus. Gerade dieser Zug scheint auch beim toxischen Rausch hervorzutreten, das wollüstige Gefühl, welches den ganzen Körper erfasst. Radó nennt das den pharmakogenen Orgasmus, jener eine neue Art der erotischen Befriedigung darstellt und daher prädestiniert ist, mit den natürlichen Sexualvorgängen in Wettbewerb zu treten. Besonders daraus ergibt sich dann die Gefahr der Suchtentwicklung, in Bezug zu diesen Stoffen.


„Die entscheidende Wendung tritt ein, wenn sich das Ich auf den Rauschwunsch einstellt und so dem Erleben des pharmakotoxischen Orgasmus mit seiner ganzen libidinösen Bereitschaft entgegenkommt. Ist einmal der toxische Rausch zum Sexualziel geworden, dann ist das Individuum der Sucht verfallen; nur selten bringt es jemand fertig, die weitere Entwicklung hintanzustellen.Sándor Radó

Rado erklärt, dass dabei der Süchtige bereits frühzeitig einer Selbsttäuschung unterliegt, die Gifte noch der angeblich realen, bzw. realitätsbezogenen Gründe gebraucht, jedoch eigentlich vom Realitätsprinzip bereits zu nicht geringen Teilen abgewandt hat, und dem Triebgehorsam verfallen ist.


„Die Aufnahme der pharmakotoxischen Lustbefriedigung geht mit entscheidenden Folgen für das gesamte psychische und somatische Verhalten der betroffenen Person einher.Sándor Radó

Die betreffende Person wendet sich mehr und mehr der Realität, der realen Befriedigungen, der genitalen Sexualität ab, und setzt den Rausch an dessen Stelle. Dahingehend sei eigentlich jedes Rauschmittel, trotz anfänglicher manchmal empfundener Hilfe, eigentlich ein Potenzgift.


„Mit dem Verzicht auf die Geschlechtsliebe beginnt die Lockerung der Beziehungen zur Realität, natürlich mit Ausnahme des Giftstoffes selbst, auf dessen Beschaffung sich allmählich das gesamte Interesse des Süchtigen konzentriert.Sándor Radó

Es wird dabei deutlich, welche Mühen und Arbeit der Süchtige in die Beschaffung des Suchtmittels investiert. Gerade jene, oder mehr, welche sonst in die „Beschaffung“ des Sexualverkehrs und der Liebesbeziehung investiert wurde. Der Süchtige geht sturzbetrunken nachts um 3Uhr noch 10km um an der nächsten Tanke seinen Sixxer Bier zu kaufen, sowie der ein reales Liebesobjekt Begehrende, förderliche Arbeit leistet, indem er Sport macht, sich dadurch in Form bringt, sich schön macht, dafür einkaufen geht, sich schminkt oder rasiert, ein Gedicht lernt oder zum Blumenladen fährt.

Das Suchtmittel tritt als neues Beziehungsobjekt zwischen die Personen, weshalb Süchtige eigentlich nicht beziehungsfähig sind, weil sie eigentlich immer mit dem Suchtmittel fremdgehen. Das wirkliche Begegnen findet nicht statt. Auch daher wird in der Analyse oft gesagt, dass man diese nur durchführen könne, wenn der Patient sein Suchtmittel nicht mehr konsumiert, sodass eine reale Übertragung zustande kommen könne. Mir zeigt sich hier die Frage von Interesse, inwiefern Analysen vielleicht wirklich als Voraussetzung haben sollten, oder könnten, dass keine Rauschmittel konsumiert werden dürften. Das ist natürlich ein krasser Zug, aber wer weiß, welch Möglichkeiten sich daraus ergäben. Denn man könnte sich ja auch fragen, ob die Flucht vor der Realität nicht bereits beginnt, bevor sich eine Sucht eingestellt hat.

Radó führt also in diesem Text das meiner Ansicht nach sehr interessante aber auch kritikwürdige Konzept des alimentieren Orgasmus ein, welcher erklären soll, dass ihmnach das Vorbild des wollüstigen Gefühles des genitalen Orgasmus, eigentlich der Orgasmus des Stillens sei, des wohligen Gefühls des Säuglings nach der Nahrungsaufnahme. Das Orale werde in der Genitalität eigentlich nur durchs Genitale ausgewechselt, der Zustand, der angestrebt wird, sei der gleiche. Es wird auch daran deutlich, so Radó, wie sehr die Sucht eine Regression darstellt.


„Mit der Erfindung des pharmakotoxischen Orgasmus aber hat der Mensch der Biologie einen Streich gespielt. Auch er hat es der Ernährungsfunktion nachgemacht und deren sexualtoxische Begleitphänomene, von ihrer schwerfälligen alimentären Voraussetzung losgelöst, zur selbständigen orgastischen Befriedigungsart erhoben.Sándor Radó

Die Nähe der Manie und Melancholie zur Sucht sieht Rado in der Weise, dass beiden einer Hochphase eine Phase der Niedergeschlagenheit folgt, im Alkohol der Kater, bzw. allgemeiner gesprochen, der Entzug. Erst durch neues Zuführen des Stoffes, oder einer spezifischen Befriedigung, nach der der depressive sucht, bringt den Umschwung in ein neues, oft grenzenloses Hoch. Man könnte sich daher den Depressiven als dauerhaft verkatert vorstellen, wobei das Erleben kaum anders sein mag.


Autor: Benjamin Seegert

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