• Benjamin Seegert

Sandor Ferenczi - Das Problem der Beendigung der Analysen (1928)


Ausgehend von einem Patienten, den Ferenczi behandelte, welcher ihn in nicht geringem Maße anlog, fragte sich Ferenczi, wie einerseits mit solchen Fällen umzugehen, bzw. was sie bedeuteten, und andererseits, was das Ziel einer Analyse überhaupt sei. Ferenczi stellt heraus, dass im Kern eigentlich jedes Symptom eine Art Lüge ist, eine Art kindliches Festhalten an einer phantasierten Realität.


„In einer früheren Arbeit äusserte ich die Vermutung, dass alle hysterischen Symptome in frühester Kindheit noch als bewusste Kunststücke produziert wurden; ich entsann mich auch, dass uns Freud gelegentlich sagte, dass es ein prognostisch günstiges Zeichen, ein Anzeichen nahender Gesundung sei, wenn der Patient plötzlich die Überzeugung äussert, er hätte eigentlich die ganze Zeit seiner Krankheit über nur simuliert;…“ Sandor Ferenczi

Die Lüge wie auch das Symptom sind Versuche die Realität nicht anerkennen zu können, bzw. zu wollen. Sie stellen eine Art von Flucht dar, von der Realität in die phantasierte Realität.


„Man könnte also verallgemeinernd sagen, dass der Neurotiker nicht als geheilt betrachtet werden kann, bis er das Vergnügen am unbewussten Phantasieren, d.h. die unbewusste Lügenhaftigkeit nicht aufgibt.“ Sandor Ferenczi

Lügen, wie Symptome sind ein Weg mit Unlust umzugehen, der Realität, jene diese Unlust aufnötigt, zu entfliehen. Das bedeutet aber für die Analyse, dass diese niemals einzig am Symptom arbeiten kann und darf, um den Patienten zu heilen. Lügen wie auch Symptome sind Konsequenzen einer Charakterlichen Haltung, die Realität nicht anerkennen zu wollen, sich dieser nicht zu unterwerfen. Dementsprechend muss in der Analyse der Charakter als Ganzes verändert werden.


 „Es muss sozusagen alles wieder flüssig werden, um dann aus dem vorübergehenden Chaos unter günstigeren Bedingungen eine neue, besser angepasste Persönlichkeit entstehen zu lassen.“ Sandor Ferenczi

Ferenczi beschreibt, dass der Patient vor der Analyse in gewisser Hinsicht naiv ist. Der Patient handelt und empfindet im charakterologischen Sinne auf automatische Art und Weisen, ohne bei allem und jeden darüber nachzudenken, was nun richtig oder falsch ist. Diese Weisen sind jedoch nicht selten unpassend gegenüber den Anforderungen der Realität, was dazu führt, dass jeweilige Person Symptome produziert und neurotisch erkrankt. Innerhalb der Analyse zerbricht der Charakter des Patienten, er löst sich auf. Das beschreibt auch, warum es oft Patienten zu einer bestimmten Zeit der Behandlung schlechter geht als vorher. Sie verlernen, wenn man so will das Leben. Man ist gefühlt völlig am Anfang und unvorbereitet auf die Welt und die Herausforderungen. Alle Wahrheiten und alles Bekannte werden aufgebrochen und neu angesehen. Das bedeutet aber, dass der Patient die Welt nun neu erfährt, jedoch in Begleitung der Analyse, in welcher er sich befindet. Dahingehend wird Stück für Stück der Charakter wie von selbst neu zusammengesetzt, um am Ende wieder naiv zu sein. Der Patient wird durch die Psychoanalyse nicht dazu gebracht, in ewiger Selbstbetrachtung dahinzugehen, sondern der Notwendigkeit der Selbstbetrachtung enthoben zu sein. Der Patient ist nach der Analyse fähig wieder naiv zu sein, im Sinne dessen, dass er nicht alles doppelt und dreifach überdenken muss, jedoch diesmal auf eine besser angepasste Art und Weise an die Realität. Die Person ist nach Ferenczi nach der Analyse im Einklang mit der Realität, akzeptiert diese, und muss nicht mehr in die phantasierte Realität fliehen.

„Die um so viel schärfere Sonderung der Phantasiewelt von der Realität, wie sie die Analyse bewerkstelligt, verhilft den Menschen zu einer fast grenzenlosen inneren Freiheit, doch gleichzeitig zu einer viel sichereren Beherrschung der Handlungen und Entscheidungen; mit anderen Worten, zu einer ökonomischeren und wirkungsvolleren Kontrolle.“ Sandor Ferenczi

Dieses Ziel einer beendigten Analyse zu erreichen, wird, so Ferenczi, möglicher, wenn endlose Zeit zur Verfügung steht. Nicht weil endlose Zeit genutzt werden soll, sondern weil es die Bereitschaft des Patienten erklärt, wirklich was an sich verändern zu wollen, die nötigen Opfer für diese Veränderung zu bringen. In diesen Fällen dauere die Analyse allgemein kürzer, als wenn ein Enddatum festgelegt würde. Egal wie lang die Analyse aber dauert, müsse der Analytiker jedoch wissen, dass der Patient in infantiler Weise sich auslebt, und die Reaktionen des Analytikers beobachtet. Es ist praktisch ein Versuch, herauszufinden, ob man sich auf das Wohlwollen des Analytikers absolut verlassen kann und somit eine Reinszenierung frustrierender Kindheitserfahrungen gegenüber den Eltern und Erziehungspersonen.


„Das Standhalten gegen diesen Generalangriff der Patienten setzt beim Analytiker selbst eine voll beendigte Analyse voraus.“ Sandor Ferenczi

Zum Ende kommt die Analyse nach Ferenczi indem Patient wie Analytiker das Interesse an ihr verlieren. Das in der Hinsicht, dass der Patient mehr und mehr Lust auf die realen Befriedigungen bekommt, und bemerkt, dass die Analyse ihm diese nicht geben kann. Er ist willig und mutig, sich diese Befriedigungen nun auch zu beschaffen, dahingehend die Neurose wie auch die Analyse aufzugeben.


„Im analytischen Lichte betrachtet, erscheint dann seine ganze neurotische Lebensepoche wirklich, wie es Freud schon vor so langer Zeit gewusst hat, als eine pathologische Trauer, die er auch auf die Übertragungssituation zu verschieben suchte, die aber in ihrer wirklichen Natur entlarvt wird, was dann der zukünftigen Wiederholungstendenz ein Ende setzt. Die analytische Entsagung ist also die aktuelle Erledigung jener infantilen Versagungssituationen, die den Symptombildungen zugrunde lagen.“ Sandor Ferenczi

Ferenczi argumentiert dahingehend, dass die Freie Assoziation im Grunde nicht die Bedingung der Analyse sei, also der Anfang, sondern vielmehr dessen Ende. Anders gesagt, erst wenn der Patient frei assoziieren kann, ist er geheilt und er kommt in die Analyse, weil er gerade nicht frei assoziieren kann. Würde der Patient also bewussten Zugang zu all seinen Begehren und Aggressionen haben, zumindest sich diesen geistigen Zugang erlauben, würde er erst gar nicht neurotisch erkranken.



Autor: Benjamin Seegert

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