• Benjamin Seegert

Sigmund Freud - Der Dichter und das Phantasieren (1908)



„Jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich eine eigene Welt erschafft oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt.“ Sigmund Freud

Der Text den ich hier bespreche, „Der Dichter und das Phantasieren“ ist ebenfalls eine kurze, doch höchst kreative Betrachtung der Dichtung, und deren unterliegenden Zusammenhängen, wie Wirklichkeit, Phantasie, dem Spiel und der Kunst. Wir fangen daher nicht bei der Dichtung an, sondern wie Freud auch, beim Spiel. Das Spiel des Kindes ist nach Freud kein reines Phantasieren, es unterscheidet sich davon in der Anlehnung an die Wirklichkeit. Das Spiel ist in den meisten Fällen im höchsten Maße affektiv besetz, das Kind nimmt das Spiel also sehr ernst. Diese hohe Besetzung führt dazu, dass die Lustgewinne, die durch das Spiel erzeugt wurden, ungern aufgegeben werden wollen. Doch Erziehung und Not des Lebens veranlassen das Kind, mehr und mehr das Spiel aufzugeben, und stattdessen das Phantasieren vorzuziehen. Der Erwachsene spielt nicht mehr.


„Er baut sich Luftschlösser, schafft das, was man Tagträume nennt.“ Sigmund Freud

Einer der Gegensätze des Spielens des Kindes und des Phantasierens des Erwachsenen ist die schamhafte Besetzung der Phantasien. Phantasien, anders als das Spielen des Kindes, werden in der Regel für sich behalten, sie repräsentieren des Erwachsenen Intimitäten.


„…er [der Erwachsene] würde in der Regel lieber seine Vergehungen eingestehen, als seine Phantasien mitteilen.“ Sigmund Freud

An dieser Stelle kommt die Psychoanalyse ins Spiel, in welcher das Gros der Arbeit darin besteht, den Patienten dazu zu bewegen, alle seine Phantasien und Gedanken mitzuteilen, trotz Scham oder Schuldgefühlen. Der Punkt der Scham ist für Freud in der gegensätzlichen Richtung von kindlichem Spiel und erwachsenen Phantasierens zu finden. Das Kind spielt erwachsen, es werden jedoch keine Erwartungen an das Kind gesetzt. Der Erwachsene ist das Produkt von Erwartungen, und seine Phantasien sind nun Zeugnis qua Existenz eines Festhaltens an der Nicht Anerkennung der Realität und qua Inhalt oft des Festhaltens an infantilen Wünschen, welche sich besonders der infantilen Sexualität bedienen. Libidoökonomisch gesprochen erklärt Freud, dass die Phantasie als solches jedoch immer Produkt von Unbefriedigung ist.


„Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.“ Sigmund Freud

Anders gesagt, wer glücklich ist, hat keine Libido für Phantasien übrig, weil diese entweder befriedigt wurde, oder aber um einen sicheren Weg der Befriedigung weiß.


„Das Überwuchern und Übermächtigwerden der Phantasien stellt die Bedingungen für den Verfall in die Neurose oder Psychose her; die Phantasien sind auch die nächsten seelischen Vorstufen der Leidenssymptome, über welche unsere Kranken klagen.“ Sigmund Freud

In der Hinsicht kann man meiner Ansicht nach auch sich selbst betrachten und den Inhalt aber auch die Menge des täglichen Phantasierens dazu nutzen, sich zu fragen, wie glücklich man ist. Am Beispiel des erfüllenden Sexualverkehrs lässt sich das gut bezeugen, dass nämlich nach geglücktem Orgasmus die Phantasietätigkeit und das Begehren rapide nachlassen. Nach der Erfüllung seiner Phantasie, seines Fetisches etc. phantasiert man zumindest für eine Weile nicht mehr über seinen Wunsch, seine Phantasie, seinen Fetisch.


 „Die seelische Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen Anlaß in der Gegenwart an, der imstande war, einen der großen Wünsche der Person zu wecken, greift von da aus auf die Erinnerung eines früheren, meist infantilen, Erlebnisses zurück, in dem jener Wunsch erfüllt war, und schafft nun eine auf die Zukunft bezogene Situation welche sich als die Erfüllung jenes Wunsches darstellt, eben den Tagtraum oder die Phantasie,…“ Sigmund Freud

Diese zeitliche Note, um nun zurück zum Dichter zu kommen, sieht Freud auch beim Dichter.


„Ein starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst läßt sowohl Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen.“ Sigmund Freud

Es stellt sich für Freud auch die Frage, was den Lustgewinn für den Rezipienten der Dichtung oder der Kunst generell ausmacht. Freud verweist darauf, dass Phantasien und deren Mitteilung als solches entweder kaum eine oder eher abstoßende Reaktionen hervorrufen würden. Das deshalb, weil die eigene Abwehr so gut funktioniere. Die Kunst als solches schafft es nun, durch die Form, durch das Spiel, ob Theater oder im Worte, die Phantasien in eine Form zu kleiden, welche die Abwehr umgeht, mehr noch, Libido aus vielen verschiedenen Quellen, wie auch den Ästhetischen heranziehen, und diese zur Befriedigung bringen kann. Freud nennt diesen Lustgewinn auch Verlockungsprämie oder Vorlust, da die Dichtung ein Möglichkeitsraum für Befriedigung von Tieferliegendem ist.


„Ich bin der Meinung, daß alle ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vorlust trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus der Befreiung von Spannungen in unserer Seele hervorgeht.“ Sigmund Freud

In dieser Hinsicht hat nach Freud die Dichtung, im weitesten Sinne die Kunst etwas Kathartisches in sich tragend, welches soweit gehen kann, dass es die Perspektive unser selbst auf uns und unsere Verdrängungen verändern kann, uns befähigt:


„unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen.“ Sigmund Freud

Autor: Benjamin Seegert

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