• Benjamin Seegert

Sigmund Freud - Die endliche und die unendliche Analyse (1937)


Freud stellt heraus, dass die Analyse per se ein langes Unterfangen ist. Es gab mehrere Anstalten dieses zu verkürzen. So hat zum Beispiel Otto Rank die Theorie aufgestellt, dass der Urkonflikt, das Geburtstrauma sei. Also die früheste und dadurch oder generell traumatischste Erfahrung eines jeden Menschen wäre die Geburt. Diese wäre nach Rank die Basis aller weiteren Konflikte. Wenn man nun dieses Geburtstrauma lösen könne, fiele ihm nach auch alles andere weg. Diese Versuche haben sich leider als vergeblich herausgestellt und Freud kommentiert passend:


„Man hat nicht viel davon gehört, was die Ausführung des Rankschen Planes für Krankheitsfälle geleistet hat. Wahrscheinlich nicht mehr, als die Feuerwehr leisten würde, wenn sie im Falle eines Hausbrandes durch eine umgestürzte Petroleumlampe sich damit begnügte, die Lampe aus dem Zimmer zu entfernen, in dem der Brand entstanden war.“  Sigmund Freud

Sigmund Freud hat alternativ ein Moment anzubieten, welches er ab und zu verwandte um die Behandlung abzukürzen, bzw. die Arbeit zu intensivieren. Er nennt es das Terminsetzen. Das Problem ist nämlich, wie Freud feststellt, dass manche Heilung ein Fall von Selbsthemmung der Kur ist. Die Analyse ist damit in Gefahr an ihren teilweisen Erfolg zu scheitern. Was damit gemeint ist, ist, dass der Patient bestimmte Leiden durch die Analyse verloren hat, aber bei weitem noch nicht geheilt ist. Der massive Leidensdruck ist jedoch verschwunden, und/oder die Analyse als solches bringt genügend Befriedigung um unter dem Status Quo nicht zu leiden. Das heißt, der Patient nutzt die Analyse nicht mehr zur Arbeit, sondern genießt sie als Abfuhrmöglichkeit, bzw. kann genügend „Zufriedenheit“ aus seinem derzeitigen Status ziehen. In dieser Konstellation ist kaum noch ein Fortschritt möglich.


„Die analytische Erfahrung hat uns gezeigt, daß jedes besser ein Feind des Guten ist, daß wir in jeder Phase der Herstellung mit der Trägheit des Patienten zu kämpfen haben, die bereit ist, sich mit einer unvollkommenen Erledigung zu begnügen.“Sigmund Freud

Freud hat nun das Terminsetzen als Mittel eingesetzt, also einen unabänderbaren Endpunkt der Analyse seinerseits, um dem endlosen heimlichen Genießen ein Ende zu bereiten. Dadurch seien viele Widerstände geschrumpft, besonders da der Patient in Anbetracht der baldigen Aufgabe der Analyse, sich die Neurose dann doch nicht mehr leisten konnte oder wollte. Freud gibt zu bedenken, dass unter dem Zwang einiges hervortritt, jedoch auch vieles unabgeschlossen bleibt. Aber warum ist das so, warum will der Patient an bestimmten Stellen nicht mehr weiter, warum boykottiert er sich selbst? Es liegt am Widerstand. Der Widerstand ist das Warum hinter der Abwehr, die Abwehr ist das Wie. Also könnte man fragen, was brächte es dem Patienten nicht gesund zu werden, oder nicht weiter an der eigenen Gesundungsprozess sich zu beteiligen. Es sind nach Freud einige Aspekte. Aber grob gesagt kommt der Widerstand aus zwei Richtungen. Einerseits vom Es aus, obwohl das nicht das ist, was mit dem expliziten Begriff des Widerstandes gemeint ist. Vom Es aus ist es so, dass die Libido eine gewisse Klebrigkeit hat oder auch Trägheit. Hat sie erst einmal eine Befriedigungsmöglichkeit gefunden, will sie diese auch beibehalten und lässt sich nur unter Trauer, Schmerz und Arbeit lösen. Jeder kennt das vom Liebeskummer, in dem die verlorene Person einfach nicht losgelassen werden will, real wie auch phantasmatisch. Der andere Einfluss kommt vom Ich aus, wo der Widerstand als Begrifflichkeit auch angesiedelt ist. Das Ich wehrt sich gegen die Bewusstwerdung bestimmter Aspekte, um sein geschaffenes Gleichgewicht nicht zu riskieren und aus Angst vor der entstehenden Unlust, bzw. wiederaufkommenden Unlust. Etwas wurde ja verdrängt, weil es soviel Unlust brachte, dann macht es nur Sinn Angst davor zu haben, dass es wieder bewusst wird. Er bezeichnet diese Ichstruktur auch als Ichveränderung:


„Die konstitutionelle Triebstärke und die im Abwehrkampf erworbene ungünstige Veränderung des Ichs, im Sinne einer Verrenkung und Einschränkung, sind die Faktoren, die der Wirkung der Analyse ungünstig sind und ihre Dauer ins Unabschließbare verlängern können.“ Sigmund Freud

Das Ziel der Behandlung wäre dann grob gesagt:


„Das will heißen, daß der Trieb ganz in die Harmonie des Ichs aufgenommen, allen Beeinflussungen durch die anderen Strebungen im Ich zugänglich ist, nicht mehr seine eigenen Wege zur Befriedigung geht.“ Sigmund Freud

Die eigenen Wege wären die Symptome, in denen verstellt der Trieb sich Befriedigung verschafft. Der Neurotiker leidet ja unteranderem an der Gnadenlosigkeit der Realität, an der Ananke, der Zwangläufigkeit des Lebens. Gerade diese will er nicht anerkennen, sich in die Phantasie flüchten, in der alles möglich und erfüllbar scheint. Er will sich vor jeder Unlust schützen, da er diese nicht als Teil des Lebens anerkennen möchte, als Notwendigkeit. Das kann zur Neurose, bisweilen bis in die Psychose führen.


„Der psychische Apparat verträgt die Unlust nicht, er muß sich ihrer um jeden Preis erwehren, und wenn die Wahrnehmung der Realität Unlust bringt, muß sie – die Wahrheit also – geopfert werden.“ Sigmund Freud

Die Abwehr ist nach Freud eine Notwendigkeit, jedoch wird diese Abwehr in manchen Fällen selbst zur Gefahr, indem es dem Ich einerseits zu viel Kraft raubt, und/oder immer größere Icheinschränkungen produziert. Darüber hinaus wird dann die Abwehr fortgeführt, selbst wenn ihre Notwendigkeit verschwunden ist. Also statt die Abwehr abzulegen werden in Konsequenz Situationen gesucht oder geschaffen, die ein Festhalten an den gewohnten Reaktionsweisen erlauben. Also eine Art Trägheit und Genußmöglichkeit. Dieses Moment der Abwehr, die Abwehr selbst macht auch vor der Analyse keinen Halt und wiederholt sich in dieser genauso.


„Es läuft darauf hinaus, daß die Heilung selbst vom Ich wie eine neue Gefahr behandelt wird.“ Sigmund Freud

Wenn sich der Widerstand im Sinne der negativen Übertragung, also einem Wechsel der Empfindungen zum Analytiker von Liebe und Zuneigung zu Missbilligung und Ablehnung, zeigt, kommt folgendes Bild zustande:


„Das Ich unterstützt unsere Bemühung um die Aufdeckung des Es nicht mehr, es widersetzt sich ihr, hält die analytische Grundregel nicht ein, läßt keine weiteren Abkömmlinge des Verdrängten auftauchen.“ Sigmund Freud

Der Patient wehrt sich also gegen die Heilung. Einerseits begründet Freud das damit, dass der Patient ein durch das ÜberIch geschaffenes Strafbedürfnis hat, ein Schuldbewusstsein, und dieses masochistisch an sich befriedigt. Andererseits sieht er darin auch die Wirkung des Aggressionstriebes, des Destruktionstriebs, als Ableitung aus dem Todestrieb.


„Wir nehmen doch an, daß auf dem Weg der Entwicklung vom primitiven zum Kulturmenschen eine sehr erhebliche Verinnerlichung, Einwärtswendung der Aggression stattfindet, und für die Außenkämpfe, die dann unterbleiben, wären die inneren Konflikte sicherlich das richtige Äquivalent.“ Sigmund Freud

Zu all den genannten Aspekten kommt noch hinzu, dass neben dem Patienten, in dem sich der Widerstand offenbart, der Analytiker ja auch nur ein Mensch ist. Soll heißen, auch in ihm wird sich der Widerstand betätigen und manche blinde Flecken schaffen, bzw. seine Kompetenz einschränken.


„Nicht nur die Ichbeschaffenheit des Patienten, auch die Eigenart des Analytikers fordert ihre Stelle unter den Momenten, die die Aussichten der analytischen Kur beeinflussen und dieselbe nach Art der Widerstände erschweren.“ Sigmund Freud

Deshalb ist es nötig, so Freud, dass sich der angehende Analytiker einer Selbst-, Eigen-, oder Lehranalyse unterziehe, um so viel wie möglich bei sich selbst zu klären, und nicht so sehr durch seine eigenen Konflikte in der Behandlung des Patienten getrügt zu sein. Abgesehen davon ist der Punkt, ich will es mal so nennen, der Infektionsgefahr ebenfalls gegeben.


„Es wäre nicht zu verwundern, wenn durch die unausgesetzte Beschäftigung mit all dem Verdrängten, was in der menschlichen Seele nach Befreiung ringt, auch beim Analytiker alle jene Triebansprüche wachgerüttelt würden, die er sonst in der Unterdrückung erhalten kann.“ Sigmund Freud

Momente der Grenzüberschreitung, wie zum Beispiel, dass Analytiker und Patient eine Affäre beginnen können auch zu genau diesen Punkten gezählt werden, in denen der Analytiker vom Patienten an einer Stelle psychisch berührt wurde, die sich seiner Kontrolle entzieht, bzw. sein unbewusstes Begehren in so massiver Weise berührt wird, dass es keine bewusste Einflussmöglichkeit mehr gibt. Aus all diesen Gründen sieht Freud eine Eigenanalyse als notwendig an, und empfiehlt sogar, diese, als Analytiker, alle fünf Jahre zu wiederholen.


Autor: Benjamin Seegert

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