• Benjamin Seegert

Sigmund Freud - Trauer und Melancholie (1917)


Die Trauer für sich ist eine Reaktion auf einen Verlust. Dabei kann es sich um eine Person handeln, aber auch um abstraktes wie ein Ideal, das Vaterland etc.. Von Bedeutend ist aber, dass der Trauernde in aller Regel weiß, was er verloren hat, worum er trauert. Dabei wird die Trauer selbst nicht als krankhafter Zustand betrachtet, man, so Freud, vertraut darauf, dass sie nach einer Weile wieder vergeht, man den Verlust verwunden hat. Eher ist es so, dass es als krankhaft, zumindest schädlich wahrgenommen wird, wenn eine Person nicht trauern kann.


„Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert.“ Sigmund Freud

Doch hält Freud dagegen, dass bei der schmerzlichen Trauer ähnliches sich erkennen lässt; der Schmerz, der Verlust des Interesses für die Außenwelt, die Unfähigkeit ein neues Liebesobjekt zu wählen. Dahingehend ist der Zweck der Trauer als eine Art Loslösungsprozess zu verstehen, auch als Trauerarbeit bezeichnet. Die Realitätsprüfung zeigt an, dass das Objekt nicht mehr vorhanden ist, was dem Ich die Aufgabe auferlegt, Stück für Stück die Libido von der Person abzuziehen. Da die Libido jedoch träge ist und eine einmal gefundene Befriedigung nicht aufgeben will, ist dieser Prozess anstrengend und schmerzlich. Das schmerzliche ist die Aufgabe der Lösung der Libidobesetzung, die Einsicht, dass der Verzicht unumgänglich ist. Dieses Festhalten bedingt dann auch, dass in Gedanken sich alles um diese Person dreht, bis hin zur Wunschpsychose.


„Jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungen, in denen die Libido an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, überbesetzt und an ihr die Lösung der Libido vollzogen. [] Es ist merkwürdig, daß uns diese Schmerzunlust selbstverständlich erscheint. Tatsächlich wird aber das Ich nach der Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und ungehemmt.“ Sigmund Freud

Der Unterschied zur Melancholie wäre nun, dass der Trauernde eben nicht erfassen kann, was er verloren hat. Er trauert, jedoch scheinbar ohne Objekt. Weil aber ebenso eine Trauerarbeit stattfindet, welche sich jedoch an einem unbewussten Objekte vollzieht, tritt auch in der Melancholie eine Hemmung des Ichs auf.


„Der Melancholiker zeigt uns noch eines, was bei der Trauer entfällt, eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine großartige Ichverarmung. Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst.“ Sigmund Freud

Freud bezeichnet das Verhalten oder Erleben des Melancholikers als eine Art Kleinheitswahn, der mit Schlaflosigkeit, Ablehnung der Nahrung einhergeht, und bis zum Suizid, also Selbstmord reichen kann. Besonders der Kleinheitswahn bekommt in diesem Zuge eine masochistische Note, dessen Besonderheit eine fast schon aufdringliche Mitteilsamkeit ist, die ihre eigene Bloßstellung genießt. Doch sei das nur eine Verdrehung der eigentlichen Zusammenhänge.


„Ihre Klagen sind Anklagen, gemäß dem alten Sinne des Wortes; sie schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende, was sie von sich aussagen, im Grunde von einem anderen gesagt wird; und sie sind weit davon entfernt, gegen ihre Umgebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein so unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr im höchsten Grade quälerisch, immer wie gekränkt und als ob ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre.“ Sigmund Freud

Durch eine reale Kränkung, Enttäuschung oder Erschütterung einer noch instabilen frühen Objektbesetzung einer geliebten Person, ist es dem Ich nicht gelungen, die Libidobesetzungen abzuziehen. Stattdessen, wird die Libido ins Ich zurückgezogen, um dort jedoch eine Identifizierung mit dem aufgegebenen Objekt herzustellen.


„Auf diese Weise hatte sich der Objektverlust in einen Ichverlust verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der geliebten Person in einen Zwiespalt zwischen der Ichkritik und dem durch Identifizierung veränderten Ich.“ Sigmund Freud

Als narzisstische Identifizierung kann diese Liebesbeziehung trotz des Konfliktes mit der Person, in gewisser Weise aufrechterhalten werden. Dieser Modus stellt aber eine fundamentale Regression dar. Mehr als eine orale Einverleibung ist es eine Identifizierung, ein Selbst sein der anderen Person.


„In den zwei entgegengesetzten Situationen der äußersten Verliebtheit und des Selbstmordes wird das Ich, wenn auch auf gänzlich verschiedenen Wegen, vom Objekt überwältigt.“ Sigmund Freud

Die Manie, als die Kehrseite der Melancholie, ist dabei, so Freud, demselben Konflikt unterworfen. In der Manie wird ein gewohnheitsmäßiger psychischer Aufwand mit einem Mal überflüssig, die Libido wird frei. Die Manie ist dahingehend ein gewisser Triumph, doch worüber, bleibt auch hier dem Ich unbekannt. Ähnlich wäre auch der Alkoholrausch einer Manie gleichzusetzen, als Aufhebung von Verdrängungsaufwänden. Doch trotz dieser Unwissenheit um den eigentlichen Verlust, so Freud, kann die Trauerarbeit auch bei der Manie wirken, wohl komplizierter, schwieriger und langwieriger.


„So bleibt alles an diesen Ambivalenzkämpfen dem Bewußtsein entzogen, bis nicht der für die Melancholie charakteristische Ausgang eingetreten ist. Er besteht, wie wir wissen, darin, daß die bedrohte Libidobesetzung endlich das Objekt verläßt, aber nur, um sich auf die Stelle des Ichs, von der sie ausgegangen war, zurückzuziehen. Die Liebe hat sich so durch ihre Flucht ins Ich der Aufhebung entzogen. Nach dieser Regression der Libido kann der Vorgang bewußt werden und repräsentiert sich dem Bewußtsein als ein Konflikt zwischen einem Teil des Ichs und der kritischen Instanz.“ Sigmund Freud

Autor: Benjamin Seegert

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