• Benjamin Seegert

Wilhelm Reich - Die charakterologische Überwindung des Ödipuskomplexes (1930)

Aktualisiert: 9. Aug 2020



In dem hier von mir vorgestellten Text erklärt Wilhelm Reich das Konzept des Charakters, bzw. wie dieser sich darstellt, entwickelt, und in welcher Hinsicht der Ödipuskomplex darin von Bedeutung ist. Zu dieser Zeit hat Reich bereits sein Werk, die Charakteranalyse geschrieben, in dem er die Idee vom Charakter in Breite erläutert, ich kann sein Werk auch einzig empfehlen. Denn neben der theoretischen Erörterung des Charakters sind das Buch wie auch dieser hier besprochene Text, Anleitungen für die analytische Technik.


„Der Charakter besteht in einer chronischen Veränderung des Ichs, die man als Verhärtung beschreiben möchte.[...] Ihr Sinn ist der des Schutzes des Ichs vor äußeren und inneren Gefahren. Als chronisch gewordene Schutzformation verdient sie die Bezeichnung Panzerung. Sie bedeutet klarerweise eine Einschränkung der psychischen Beweglichkeit der Gesamtperson.“ Wilhelm Reich

Diese Einschränkung ist, wenn man so will, eine Art Automatismus, mit dem man auf Frustrationen reagiert, auch wenn diese automatische Reaktions- und Erlebensweise dem eigentlichen Reiz nicht entsprechend ist. Die Aufgabe der Panzerung ist im Prinzip Libido zu binden, funktionierend nach dem Lust-Unlustprinzip. Heißt, dass unlustvolle Situationen eine Zunahme der Panzerung bewirken, lustvolle eine Abnahme der Panzerung.


„Der Grad der charakterologischen Beweglichkeit, die Fähigkeit, sich einer Situation entsprechend der Außenwelt zu öffnen oder sich gegen sie abzuschließen, macht den Unterschied zwischen realitätstüchtiger und neurotischer Charakterstruktur aus.“ Wilhelm Reich

Der Charakter ist entstanden aus und existent weiterhin als eine Folge von Aufeinanderprallen von Triebansprüchen und Ansprüchen der Außenwelt. Dahingehend ist der Charakter eine Art Schutz vor Frustration, bzw. davor, das Verdrängte zu provozieren.


„Um die Verdrängung aufrechtzuerhalten, ist eine weitere Veränderung des Ichs notwendig: Die Verdrängungen müssen festgekittet werden, das Ich muß sich verhärten, die Abwehr muß einen chronisch wirkenden, automatischen Charakter bekommen.“ Wilhelm Reich

Reich erklärt, dass diese Verhärtung des Ichs auf Grundlage dreier Vorgänge abläuft:


1. Es identifiziert sich mit der versagenden Realität in Gestalt der versagenden Hauptperson.[...] 2. Es wendet die Aggression, die es gegen die versagende Person mobilisierte uind die selbst die Angst erzeugte, gegen sich selbst.[...] 3. Es bildet reaktive Haltungen gegen die genitalen Strebungen, indem es deren Energie dem Es entnimmt und nun in seinem eigenen Interesse verwendet.“ Wilhelm Reich

In dieser Hinsicht wird durch den Charakter Kontrolle über das Es und die Libido gewonnen, aber auf Kosten der Befriedigung, bzw. der Befriedigbarkeit. Die Libido ist im Charakter zwar gebunden, aber kann nicht wirklich abgeführt werden. Diese mangelnde Befriedigbarkeit und Verhärtung des Charakters ist auch die Basis für die Neurose. So geht Reich, wie auch viele andere davon aus, dass eine Neurose einzig auf Basis einer neurotischen Charakterstruktur entstehen kann.


„Die charakterneurotische Reaktionsbasis ist dadurch gekennzeichnet, daß sie zu weit ging und das Ich in einer Weise erstarren ließ, daß es zu einem geordneten Sexualleben und Sexualerleben später nicht kommen kann. Das bedingt, daß die unbewußten Triebkräfte keine energetische Entlastung erfahren und daß die sexuelle Stauung nicht nur permanent bleibt, sondern sich ständig steigert.“ Wilhelm Reich

Der Exzess oder Zusammenbruch ist dahingehend vorprogrammiert. Wobei es dann auch dieser Zusammenbruch ist, der den schnellsten Zugang zum zentralen infantilen Konflikt ermöglicht. Auch Ferenczi, in „Das Problem der Beendigung der Analyse“ spricht ja dafür, dass der Charakter einzig heilen kann, wenn er in der Analyse zusammenbricht, und sich neu, adäquater zusammensetzt.Reich macht deutlich, dass das Geschlecht der Eltern und des Kindes von Bedeutung ist, um zu erklären, wie sich die jeweilige psychische Struktur zusammensetzt, in Hinblick darauf, ob das Kind ein weibliches oder männliches Überich bekommt, und somit wie der eigene Charakter und die eigene sexuelle Ausrichtung sich darstellt.


Für das Mädchen gilt umgekehrt, daß ein wenig versagender Vater eher zur Herstellung eines femininen Charakters beitragen wird als ein strenger, brutaler. Serien von klinischen Vergleichen lehren, daß das Mädchen auf den brutalen Vater typisch mit der Ausbildung eines männlich harten Charakters reagiert. Der stets bereitliegende Penisneid wird aktiviert und gestaltet sich unter charakterologischer Veränderung des Ichs zum Männlichkeitskomplex.“ Wilhelm Reich

Der Ödipuskomplex ist in dieser Hinsicht der entscheidende Dreh und Angelpunkt für die Charakterbildung. Am Ödipuskomplex wird die Bildung festgemacht, und ihre geschlechtliche und neurotischen Aufstellung verdinglicht. Durch die Kastrationsangst geht der Ödipuskomplex zwar unter, so Reich, lebt aber im Charakter fort, transformiert sich in charakterologischen Reaktionsweisen.


„Der Idealtypus des Gesunden, der genitale Charakter, unterscheidet sich vom neurotischen eben dadurch, daß der Ödipuskonflikt nicht in charakterologische Funktionen umgesetzt, sondern durch Energieentzug erledigt wurde.“ Wilhelm Reich

Im Bezug zur Technik ergibt sich daraus, dass eine Analyse immer bedeuten muss, nur funktionieren kann, wenn der Charakter als ganzes angegriffen wird. „Da nämlich der Kranke wohl für seine neurotischen Symptome, nicht aber für seine neurotische Reaktionsweise krankheitseinsichtig ist, muß ihrer Analyse die Objektivierung vorangehen, die den Kranken befähigt, sich zu seinem neurotischen Charakterzug ebenso einzustellen wie zu seinem subjektiv quälenden Symptom.“ Wilhelm Reich


Autor: Benjamin Seegert

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